Literaturauswahl

Gerade las ich eine Artikel darüber, sich vom männerlastigen Literaturkanon abzuwenden. Literatur erschafft Welten und kann Vorbild sein. Aber wenn es nur der männliche Blick ist, der das Vorbild erschafft, dann ist wenig gewonnen. Ganz im Gegenteil trägt es dazu bei, Frauen* permanent den männlichen Blick auf die Welt vorzuhalten.

Der Literaturkanon oder die sogenannte Weltliteratur war mir früh egal. Ich weiß nicht, wann es anfing, aber ich erinnere mich, dass ich an der Universität den Plan fasste, mein Studium der Neueren deutschen Literatur ohne eine Semester Goethe durchzuziehen. Das Ziel war, mich mit Stolz über die vermeintlichen Anforderungen des "das muss!!! man gelesen haben" hinwegzusetzen.

Damals war noch ganz viel Trotz dabei. Das Unbehagen hatte noch keine Worte gefunden. Erst im Laufe der Jahre kamen klassenbewusste und feministische Perspektiven dazu. Heute passiert es mir oft, dass ich ein Buch in der Hand halte, in der es um eine oder mehrere Frauen geht, es klingt ganz interessant, dann sehe ich den männlichen Namen auf dem Cover… und ich verliere jegliche Lust, das Buch zu lesen.

Im Laden oder in der Bibliothek zu stehen und bewusst gegen das Format "weiß, männlich, heterosexuell" auszuwählen, macht etwas mit einem. Plötzlich wird die Auswahl sehr viel kleiner. Es ist ein bewusstes Erleben des Kleinhaltens, des Unsichtbarlassens. Und dabei habe ich die Suche nach nicht-weißen Perspektiven noch gar nicht angefangen. Das klingt jetzt alles, als würde ich megaviel lesen. Früher war mehr Lametta und früher waren mehr Bücher in meinem Leben. Das weniger Lesen liegt nicht daran, dass ich keine Bücher finde. Es gibt sie. Dabei hilft, mehrere Sprachen zu sprechen, Indie-Verlage zu kennen, das Internet, usw. Ich nehme mir nicht mehr die Zeit zu lesen. Auch ein Weg, sich vom männerlastigen Literaturkanon abzuwenden.

Das mit dem Studium ohne Goethe hat dann übrigens nicht geklappt. Ich brauchte händeringend einen Proseminar-Schein, die Hausarbeiten schrieben sich einfach nicht zu Ende und es war das einzigste Seminar mit einer Klausur.