Du sitzt da und fragst dich, was du machen würdest, wenn du auf nichts Rücksicht nehmen müsstest.
Mit was würde ich meine Zeit am Liebsten verbringen? Was soll Teil meines Lebens sein? Eine Sache hat es nicht auf den Zettel geschafft: an einer Universität studieren.
Eine Dekade geht vorbei. Volle 10 Jahre universitären Lebens liegen hinter mir. Ohne Abschluss. Ich höre auf zu einem Zeitpunkt, an dem ich merke, dass das Studieren an einer Universität keine Leidenschaft mehr in mir weckt. Zu einem Zeitpunkt, da die Uni, da meine Studienfächer keine Herausforderungen mehr für mich bieten. Der Weg ist das Ziel und ich habe mein Ziel erreicht. Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, was ich nicht kann. Mehr muss ich niemandem beweisen.
Denn lange Zeit habe ich mich selbst damit motiviert, mir wenigstens zu beweisen, dass ich eine Sache wie dieses Studium abschließen kann. Aber wozu? Damit all die Jahre nicht umsonst sind? Um mir mit diesem Wisch namens “Zeugnis” Optionen offen zu halten, Wege offen zu halten, die ich sowieso nicht beschreiten möchte? Mit Menschen, die mich allein deswegen aus ihrem Radar ausblenden, weil ein Stück Papier zum Abhaken der Kreuzchen auf ihrer Vollständigkeitsliste fehlt, mit solchen Menschen möchte ich meine Zeit nicht auch nur ansatzweise vergeuden. Die Momente werden kommen, da ich diesen Schritt bereue. Ich weiß das. Es werden Jobs meinen Weg kreuzen und ich werde ihnen hinterherwinken, bei denen ich nur mit viel Selbstverleugnung den soeben geäußerten Satz vor mir selbst aufrecht erhalten kann. Aber das permanente Offenhalten aller Optionen ist einer der größten Krankheiten, die wir Menschen hier und heute haben. Ich schließe mit diesem Schritt Türen und werfe den Schlüssel weg. Es ist eine sehr große Tür und die, die weiterhin offen stehen, sind eher klein. Aber sie sind mit Regenbogen, Einhörnern, Teufelchen und Darth Vader beklebt. Ähmnaja… ihr wisst, was ich meine.
Aber in Zeiten wie diesen…? Denk doch mal an…! In diesen, unseren Zeiten werden nicht nur junge Menschen mit Angst vollgepumpt. Mach das, sonst passiert jenes nicht. Wenn du das nicht machst, dann… Oh wehe! Wenn ich an all die marktschreierischen Karrieremagazine denke, kommt mir das kalte Grausen. Und doch steht im Subtext all dieser Erfolgsstorys eines: Mach immer, was dein Herz dir sagt.
Und als hätte es diesen Wink nicht auch noch gebraucht, stoße ich just beim Schreiben dieser Zeilen über fotografiona’s Blog und ihr Ende in irgendeinem Businessnetzwerk. Sie arbeitet selbständig als Photographin. Das sogar erst seit einem Jahr, wenn ich das jetzt nicht falsch überlesen habe. Jeder Existenzgründungsberater würde wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und schonmal die Schaufel fürs Berufsgrab aus der Kammer holen. Aber ich vermute mal, dass mit dem getöteten Businessnetzwerkaccount auch einiges an Druck und dieses permanente could-be wegfällt. Und wenn dieses could-be weg ist, kann man sich endlich auf das is und das will-be konzentrieren.
PS: Ja, ich habe mir das gut überlegt. Nein, auch ich kann nicht in die Zukunft sehen und 100%ig sagen, wie die Konsequenzen aussehen. Aber das kann auch niemand sonst. Ja, ich habe mit einer ganzen Reihe von Menschen darüber gesprochen. Nein, keiner dieser Menschen konnte einen Grund vorbringen, der meine Entscheidung geändert hätte. Und die geistige Freiheit, die ich seitdem in vollen Zügen genieße, sind mir Bestätigung genug.
PPS: Und jetzt mal Hand aufs Herz: “Langzeitstudentin und Studienabbrecherin”. Ich brauche sofort neue Visitenkarten…