Es macht mir Angst.

Davon zu lesen, wie Menschen einen anderen Menschen einen anderen Menschen verlieren. Wie die Präsenz der Verstorbenen nur noch in den Erinnerungen verbleibt. Davon zu lesen, wie es sich anfühlt, mit anderen in einem Krankenhaus zu sein und den Unwägbarkeiten unserer Gene zu begegnen.

Es macht mir Angst, weil ich all dies bisher nie kennenlernte. Meine zwei Krankenhausaufenthalte waren lapidar. Ein paar Medikamente und Blutabnahmen hier, eine kleine oberflächliche Operation am Knie dort. Auch die anderen Menschen in meinem Krankenzimmer waren vergleichsweise “leichte Fälle”, Routinebehandlungen für die Ärzte.

In meiner Familie ist bislang nur mein Opa gestorben. Herzinfarkt. Ich war nicht dabei und ich fühle bis heute keinen Verlust. Zu sehr bestanden seine “Unterhaltungen” aus reinen Beleidungungen. Das einzige, das schmerzt, ist der Vorwuf meiner Oma, weil ich bei der Beerdigung nicht anwesend war.

Es macht mir Angst, dass ich bisher verschont geblieben bin. Denn ich weiß, eines Tages werde ich auch an solch einen Punkt gelangen. Einen Punkt, an dem Trauer oder Schmerz oder beides oder etwas ganz anderes meine Hilflosigkeit in erstarrten, stumpfen Schrecken münden lässt. Ich hoffe, ich werde dann sorgende Menschen an meiner Seite haben. Denn dann weiß ich, ich werde die Kraft haben, damit zu leben. Aber die Ungewissheit des “Irgendwann bin auch ich fällig”, sie macht mir Angst.