Category: zeichen und ihr (eigen)leben

“Hurenbeschreibung”

Sana’a 19.10.

Besteht unsere eigentliche schamlosigkeit nicht vor allem im sprechen über sexualität (pórne-gráphein)? Denn wie schamlos ist unser sexualleben denn tatsächlich? Das beschreiben, problematisieren und klassifizieren hat uns eher lust und geheimnis geraubt. Die reflexion ist zwischen die begegnung zweier körper getreten und bildet nun einen undurchschreitbaren spiegel zwischen dem selbst und dem anderen.
Schamhaftigkeit bedeutet nicht prüderie. Sie betont eher die besonderheit und verletzlichkeit der begegnung. Weder befreit uns das reden von unserer verletzlichkeit, noch bringt es uns der erfüllung unseres begehrens näher. Es macht uns ärmer.

Leeres Viertel Rub’ Al-Khali. Michael Roes. 242.

Liebe Leute, Viele Grüße, miss sophie

Jungs! Bitte nicht übel nehmen. Ich lebe hier jetzt nur mal kurz meine Sprachneurose aus.

“Mein liebes Fräulein!” Die Ladies unter uns mögen diesen Satz – ausgesprochen mit warnend-säuerlichem Oberton – von ihren Eltern kennen. Wir haben uns mal wieder nicht an unsere Genderrolle gehalten und waren alles andere als lieb und brav. Waren, wie alle Kinder, vielleicht trotzig, weil es nicht nach unserem Willen gehen wollte. Vielleicht haben wir aber auch gerade wieder eine Grenze ausgetestet. Den lachenden Blick immer aufs Gesicht von Mama und Papa gerichtet, um zu sehen, wann jetzt wirklich gut ist. “lieb” ist das genaue Gegenteil seiner Bedeutung gewesen.
Cut.
Schwenk ins Ferienlager. Eine Gruppe Kinder/ Jugendlicher und eine Aufsichtsperson. Sagen wir, sie sind alle in einem Museum. Die Kinder/ Jugendlichen machen so ihr Ding, laufen herum, treiben Späßchen. Der Geräuschpegel steigt. Die Aufsichtsperson, vorzugsweise weiblich, ist eigentlich eine Gute. Sie ist meist ausgeglichen und immer höflich. Muss sie doch einmal erzieherisch eingreifen, ist Schritt 1 weiterhin höflich, wenngleich mit angehobener, zukünfitgen Zorn andeutender Stimme: “Liebe Leute! Ruhe da hinten!” Ist klar, dass sie alles andere als lieb waren in dem Moment.
Cut.
Schwenk in die Vorbereitung einer Einführungswoche für Erstsemestler. Das “Liebe Leute”-Trauma hat seine Spuren bereits tief in meiner Sprachneurose hinterlassen. Doch wer konnte es ahnen, da war noch Platz für mehr. Wir also alle in der Planung. Kopf der Orgagruppe war – fuck! Name vergessen. Egak. Nennen wir sie – Kristina Wegner. Kristina Wegner war der Typ erfolgreiche Studentin, die Karriere fest geplant, in langjähriger Beziehung, und dabei für keinen Spaß zu haben. Jeder Scherz während der Planungen wurde mit unverständnisvoll-genervtem Blick quittiert, die Organisation generalstabsmäßig durchgezogen. Sie führte sich immer auf wie eine Aufsichtsperson, die eine Gruppe wildgewordener Jugendlicher hüten muss. Oh, ich vergaß zu erwähnen, dass sie Lehramtsstudentin war. Die armen Schüler… Wieauchimmer. Ihre Mails begannen mit: “Liebe Leute”. Das Trauma nahm seinen Lauf…

Kommen wir zu “Viele Grüße”. Ich hab keinen blassen Schimmer, wann diese Abschiedsformel seinen Weg in den Sprachgebrauch gefunden hat. Anfänglich las ich es im Kontext freundschaftlich-kollegialer und darum immer noch so vierteloffizieller Emails. “Mit freundlichen Grüßen” und selbst die Kurzform “MfG” ist eindeutig dem Business und damit einem offiziellen Rahmen vorbehalten. Im privaten finden sich Formulierungen wie “Gruß” oder “Liebe Grüße”. Und dann gibt es den Raum dazwischen. Man hat in einem irgendwie geschäftlichen Rahmen miteinander zu tun oder arbeitet an der Uni zusammen. Man findet sich sympathisch, ist vielleicht sogar gleich alt und teilt in jedem Falle die gemeinsame Abneigung gegen das “mit freundlichen Grüßen”, das ja viel zu altbacken klingt. Hier nun also die Wahl zwischen “Beste Grüße” und “Viele Grüße”. So zumindest habe ich es kennengelernt: “Viele Grüße” im Kontext (vorzugsweise akademischer) nicht-privater, aber dennoch Sympathie und Freundschaftlichkeit ausdrückender Emails.
“Viele Grüße” hat ja tatsache einiges für sich. Ein lakonisches “Gruß, yxz” mag abschreckend und etwas zu kalt wirken. “Viele Grüße” hingegen legt mehr Effet in die ganze Sache. Aber irgendwie wirkt es auf mich immer semantisch-sprachstrukturell falsch. Irgendwas stimmt daran nicht. Fragt mich aber bloß nicht, was. Hinzu kommt die Wahrnehmung, dass es in einem vierteloffiziellen Rahmen gerne auch nach Verlegenheitsformulierung klingt, weil “Beste Grüße” auch schon wieder zu offiziell, aber “Liebe Grüße” einfach viel zu privat ist. Deswegen bin ich immer reichlich verwirrt, wenn ich “Viele Grüße” am Ende einer Email von Freunden lese. Aber weiter weiß ich auch nicht.

Ich leg mich jetzt einfach auf die Couch, kurier meine Sprachneurose aus und ihr achtet nicht auf mich. Deal?

Ab wann beginnt schriftliche Kommunikation?

Diese Frage brachte neulich jemanden hierher. Und es ist eine interessante Frage.
Von wo aus ist diese Frage gedacht? Aus der Perspektive des Mündlichen? In der Unterscheidung von Schrift und kommunizierender Schrift?
Der Unterschied zwischen dem Mündlichen und dem Schriftlichen ist eigentlich recht schnell gefunden. Das eine kommt als Schallwelle aus unseren Hälsen – wahrnehmbar mit dem Ohr. Das andere materialisiert sich in graphischen Formen – wahrnehmbar mit den Augen oder Händen. (Was es hier mit der Physik auf sich hat … Auch irgendwas mit Wellen. Aber sonst?)
Und in der Sphäre des visuell und/oder haptisch Wahrnehmbaren. Schrift ist immer schon Zeichen. Sind graphische Formen schon Zeichen? Intuitiv würde ich sagen: ja. Physisches Material wird dann zum Zeichen, wenn mindestens einer der Beteiligten (Sender/Empfänger) mindestens den Versuch startet, Sinn bzw. Semantik an physisches Material heranzutragen. Aber reicht schon der Versuch? Was passiert, wenn Empfänger A scheitert. Wenn der Versuch scheitert, ein irgendwie halbwegs konsistentes semantisches Konzept an ein physisches Material heranzutragen – Sinn zu entdecken – Verknüpfungen zu bilden – Netze zu knüpfen. Und was ist, wenn Empfänger B dies schafft?
Aber zurück zu den graphischen Formen und ihrer Zeichenhaftigkeit. Bei graphischen Formen fallen mir neben Buchstaben, Zahlen, Sonderzeichen als nächstes Formen im Kontext von Kunst ein. Das ist Zeichen. Schon allein, weil wir das Postulat der Zeichenhaftigkeit an die Formen herantragen. Unabhängig davon, ob wir individuell eine Bedeutung erstellen können.
Aber was ist mit dem Karomuster auf meiner Gardine? Form, ja. Aber Graphische Form = Zeichen? Hmmm…

Schrift ist immer schon Zeichen. Und damit auch gleich schon Kommunikation? Ja, denn sie wird verwendet, um etwas auszudrücken. Egal, wie banal. Egal, ob da ein konkreter Empfänger mitgedacht wird. Oder ist Kommunikation doch erst dann da, wenn ein Sender und ein Empfänger sich der dazwischenliegenden Botschaft nähern?

Ruhm. Daniel Kehlmann. Der beste Episodenfilm, der je zwischen zwei Buchdeckeln gepackt wurde.

"Lioba Zeplins Erschrecken macht einen beachtlichen Bogen um die Wirklichkeit."

Manche Sätze… Ich kann den Blick nicht von ihm nehmen. Noch 10 Zeilen weiter springt mein Auge zurück. Hängenbleiben. Wie an süßem Karamel. Ergriffenheit ist ein passendes Wort. Bewunderung ein anderes. Inspiration ist auch dabei. Verstehen ist eines, das nicht in den Kontext des Buches passen will, wohl aber in den Kontext meines Lebens. Im Nachspüren dieser Worte dort oben, bleibt mir der Einfachheit halber nur folgendes zu sagen: Koenigs Kinder. Kathrin Schmidt.

Namensfragen.

Es gibt da diesen Namen, bestehend aus Vorname und Familienname, den ein jedes Staatskind in seinem Staatsdokumenten stehen hat, und sei es auf der Geburtsurkunde. Mit Aufkommen von Internet, web2.0 und all den socializing tools gingen viele dahin und wählten sich einen weiteren Namen, unter dem sie nun in der Netzöffentlichkeit präsent sind.

Nun ergab es sich im Laufe der Zeit, dass (aus der Perspektive des Netzpseudonyms?) der Staatsdokumentenname die Bezeichnung “Klarname” erhielt. Wiesoweshalbwarum? Auf diese Frage habe ich nicht wirklich eine Antwort. Ich weiß einzig die Bedeutung, dass es eben der Name auf dem Perso ist. Aber so richtig Sinn macht das mit dem “Klarnamen” nicht für mich. Schließlich steht mein Pseudonym ja auch klar lesbar hier überall rum. Man stelle sich nur mal vor: “**** ****** und ihr leben”. Das wäre ja ein heilloses Kuddelmuddel, wenn mehr als 3 Leute im Netz aufeinander treffen. “Hey 4Stern-Leerzeichen-6Stern. Hab grad von 8Stern gehört, dass 4Stern-Unterstrich-3Stern morgen auch dabei ist.” Neeneenee.
Aber ich will mal nicht so sein. Eine Erklärung bzw. Motivation für die Kreation “Klarname” kann ich mir durchaus zusammenreimen. Das Wort “Pseudonym” enthält in seiner Bedeutung, dass der zugehörige Mensch seinen Staatsdokumentennamen verdeckt halten möchte. So, wie eben auch die Sternchen all unsere Passwörter bei der Eingabe verdecken. Werden bei der Passworteingabe die Zeichen nicht durch Sternchen (oder Punkt) verdeckt, erscheinen sie in Klarschrift. Da ist der Weg zum “Klarnamen” dann auch nicht mehr so weit. Aber unbefriedigend bleibt er als Bezeichnung dennoch irgendwie…

Nicht viel anders verhält es sich für mein Gefühl mit dem “Realnamen”. Das Woher ist schnell geklärt. Es gibt die gängige Unterscheidung zwischen dem virtuellen Leben und dem Realleben. Was dem virtuellen Treiben sein Pseudonym oder Nickname ist, ist dem echten Leben sein Realname.
Mein Problem hier: Wo ist die Grenze zwischen virtuellem und realem Leben? Wenn ich blogge, twittere, skype usw., dann ist das höchst real für mich. Nun will ich keineswegs bestreiten, dass die Leiblichkeit der körperlichen Anwesenheit einen Unterschied im sozialen Miteinander macht. Macht sie nämlich definitiv. Allein die Möglichkeit, Mimik und Gestik in ihren Nuancen in die Kommunikation miteinzubeziehen, hat einen eminenten Einfluss auf die Entwicklung eines Gesprächs. Aber ist die Kommunikation via Bits’n'Bytes darum irrealer? Nein, nur anders. Real bleibt sie nach wie vor. Schließlich ist die Hardware, auf der das alles stattfindet, ja auch physikalisch vorhanden.

Dann hätten wir da noch den Bürgerlichen Namen. Als Alternative für den Namen, den uns unsere Eltern aufgedrückt haben, ist er aber auch eher unbefriedigend. Ich muss hier immer an Kritik aus dem Lager der Linken denken – am Bürgertum und am staatspolitischen Bürgerbegriff und den Auswirkungen auf Erwünschtheit im Lande.

Damit hätten wir dann also 3 Bezeichnungen: Klarname, Realname, Bürgerliche Name. Alle drei sind doof. Alternativen fallen mir jetzt auch nicht aus dem Zuckerhut. Bleibt’s also erstmal beim Gemecker.

und einige häuser sind mir lieber als andere

Eine Unterhaltung auf Twitter trägt sich derzeit zu, die es mir mittlerweile unmöglich macht, sie in 140 Zeichen weiterzuführen. Auf meine Aussage “beginne, die kommunikation per mobiltelefon als veraltet und umständlich zu verabscheuen.” erhielt ich folgende Antwort von @mathematikos: “die sprache ist das haus des seins (heidegger)#schrägsinn”.

Mir gefiel und gefällt der Satz Heideggers. Bringt er doch ganz wunderbar mein derzeitiges Erleben von Sprache und den Kanälen, in denen ich sie kommuniziere, zum Ausdruck. Doch halt! “Sprache und Kanäle, in denen”? 2 getrennte Dinge? Nee, irgendwie nich. Der Kanal Twitter zum Beispiel, mit seiner Begrenzung auf 140 Zeichen, bringt neue Erscheinungsformen von Sprache mit sich. Der durch das Rautezeichen gesetzte (Eigen-)Kommentar ist eine Einordnung der soeben getätigten Äußerung auf einer Metaebene – ein Kommentar eben. Typographisch ist er immer noch der Äußerung nebengestellt. Aber der Kommentar kommt in neuem Gewand daher. Das Anzeigefeld bei Twitter benötigt eine Abgrenzung mit einem Sonderzeichen. Der klassische Text im Seitenrand oder gar auf den hinteren Seiten eines Buches ist nicht mehr möglich. Hinzu kommt eine zweite Verwendungsweise der Raute, nämlich die der Marginalie. Das ist in einem Buch eine Art Zusammenfassung oder ein Oberbegriff o.ä., das im Seitenrand neben dem Absatz steht und damit den Gesamttext leichter erfassbar machen soll. Sehr beliebt ist dies in u.a. Schulbüchern. Auf ihre Weise ist auch die Marginalie ein Kommentar, wenn auch eher ein zusammenfassender. In Twitter hat sich mit dem Rautenzeichen eine neue Form der Kommentierung entwickelt. Zynisch-ironische Kommentare bspw. werden hierüber verschriftlicht, wie sie bislang in dieser Kürze nur über die Mimik und den Tonfall des Sprechenden erkenn- und verstehbar war. Eine andere, zusammengewürfelte Sprache ist entstanden.

Zurück zu “die sprache ist das haus des seins”. Das Haus ist Twitter, die Sprache sind die Zeichen, die wir dort verwenden und das Sein… äh ja… ist halt das Sein. Worauf ich hinauswill, ist nicht der Kommentar “#schrägsinn”. Den habe ich in der Verwendung bei mathematikos bislang noch nicht so ganz durchschaut. Was aber auch egal ist, denn es geht mir um “die sprache” und “das haus”. Twitter, Skype, Email, Mobiltelefon. Das sind viele Häuser, in denen sich viele Sprachen tummeln (für die Literaturtheoretiker und Linguisten: Sprache im Sinne von parole). Jeder dieser Kommunikationskanäle hat seine Besonderheiten, seine pragmatischen Vor- und Nachteile in der eigenen Lebens- und Arbeitsgestaltung. Pragmatische Bedeutungsteile gehören ebenso zum Sprachsystem (im Sinne von langue) wie die eigentliche Wortbedeutung. Daraus ergibt sich, dass es im Gebrauch nicht die eine Sprache und viele Häuser gibt, sondern viele Sprachen (im Sinne von parole) und viele Häuser und dabei greifen Sprache (parole) und Haus immer ineinander. Und darum gilt: “einige häuser sind mir lieber als andere”.

Ein Literaturwissenschaftler tut, was ein Literaturwissenschaftler tun muss.

Den Kritiker in sich rauslassen nämlich. Bestes Erprobungsobjekt: man selbst.

Alles weitere bei Twitkrit und dem “Selbstgespräch eines Knotenpunkts im Zeichengewebe“.

An dieser Stelle geht ein herzliches Dankeschön an bjoerngrau für sein Lektorat sowie an das gesamte Twitkrit-Team für die Veröffentlichungsmöglichkeit.

"Der Blog" und der Weg der Menschen dorthin.

Es lodert ein kleines Feuerchen in Blogdorf. Nicht stark, es ist mehr so ein Schwelbrand, der gelegentlich ein paar Flammen züngeln lässt. Das Feuerchen lodert bei den Verfechtern der grammatikalischen Neutralität des Mediums, in dem wir uns alle hier tummeln. “Blog” hat seine etymologischen Wurzeln im Weblog, welches wiederum in Anlehnung an das Logbuch der Schiffer entstand. “Logbuch” oder “Log” ist eindeutig sächlich, das “Weblog” ebenso. Nur beim Blog hält sich die Verwendung des maskulinen Artikels standhaft neben dem neutralen. Die Verfechter des Neutrums sagen dann bei Gelegenheit auch gerne, “der Blog” sei falsch.

Dem deskriptiven Linguisten in mir rollen sich ob solcher Sickschen, sprachnörglerischen Urteile kurz die Zehennägel auf. Google’s Index wirft für “das Blog” rund 788.000 Ergebnisse aus. Für “der Blog” sind es mit 827.000 Ergebnissen nicht wirklich viele mehr. Wie kann etwas “falsch” sein, was von so vielen Sprechern gebraucht und von noch mehr verstanden wird?

Doch wie kommt es eigentlich, dass “der Blog” überhaupt in den Gebrauch Eingang gefunden hat? Ist es die pure Sprachgeschichtsvergessenheit? Wohl kaum. Die Etymologie ist mittlerweile weitgehend bekannt und dennoch: der Blog lebt.

Die Ursachen liegen – wie so oft – in der Sprache sowie im Sprachgebrauch selbst. Wesentlich häufiger als der direkte Artikel im Nominativ wird “Blog” im Sprachgebrauch mit dekliniertem Artikel (“Das findest du bei XY im Blog.”) oder in Sätzen mit Possessivpronomen (“Wie XY in seinem Blog schreibt, …”) verwendet.

Das Deutsche zeigt bei den Flektionsformen des Neutrums nur wenig Individualität im Vergleich zum Maskulinum. In weiten Teilen zeigt es dieselben Formen. Insbesondere der Dativ hat durchgängig die gleichen Formen im Neutrum wie im Maskulinum. “Mein Baum” wird zu “meinem Baum” (“in meinem Baum”), “mein Haus” zu “meinem Haus” (“in meinem Haus”). “Der Baum” wird zu “dem Baum (in dem Baum/ im Baum)”, “das Haus” wird zu “dem Haus (in dem Haus/ im Haus)”. Beim Verweis auf Inhalte wird durch die häufige Verwendung der Präposition “in” (die den Dativ erfordert) also eine grammatikalische Form verwendet, die per se keinen Rückschluss auf das grammatikalische Geschlecht des Nomens zulässt. Da das Maskulinum trotz aller postmodernen Schriften noch immer das unmarkierte Genus ist und also zuerst gedacht wird (natürlicher erscheint), greift der geneigte Sprecher zum Maskulinum, wenn er/sie/es in den Nominativ wechselt.

Damit verknüpft dürfte auch ein diskursiver/ kultureller Aspekt sein. Blog – im Gegensatz zu Weblog – trägt einen wesentlich schwächeren Verweis auf das Logbuch in sich. Das Logbuch spielt in unserer Gegenwart auf Grund der geringen gesellschaftlichen Relevanz der Schifffahrt (im Vergleich zu Bahn und Flugzeug) eine ebenso seltene Rolle in unserem Sprachgebrauch. Die Assoziationskette Blog-zu-Logbuch drängt sich nicht gerade von selbst auf. Das einsilbige “Blog” erscheint eher als eigenständiger Neologismus als es beim zweisilbigen “Weblog” der Fall ist, weil hier “-log” als Teilwort mit der Pause zwischen dem “b” und dem “l” gesprochen wird. Der/das Blog verliert mit zunehmender sprachlicher Reduktion seine an der Oberfläche materialisierte Geschichte. Auf der anderen Seite aber ist es ein Spiegel der sich verändernden Verwendungsweisen des Mediums “Blog”. Der logbuchartige, chronologische Charakter wird im Verlauf der Gewohnheit immer un-präsenter. Das Hinzufügen diverser Widgets mit weiteren Inhalten neben dem zentralen Bloginhalt (den Posts), Unterseiten, magazin-artige Layouts und Strukturen usw. pluralisiert die Blogs, verändert ihren Charakter. Anders gesagt, die Erscheinungen der Blogs verlieren mehr und mehr ihren logbuchartigen Charakter.

[Nachtrag] Mit bestem Dank an Anatol Stefanowitsch aus den Kommentaren gefischt: Ein weiterer sprachlicher Grund für die Verwendung des männlichen Artikels liegt sicher auch in der lautlichen Nähe des “Blogs” zum “Block”, die sich mit der Auslautverhärtung im Deutschen (‘g’ wird zu ‘k’) noch verstärkt. “Block” ist maskulin und per Analogieschluss ist der Weg zu “der Blog” nicht mehr weit.

[Nachtrag, die Zweite] Im blog.institut1 wurde das Thema nun auch verhandelt. Die Verbindung vom Holzklotz zum Notizblock lässt sich historisch vermutlich nicht so richtig direkt ableiten. Aber die implizierte These, dass “das Blog” und “der Blog” über diverse Umwege denselben Ursprung haben, gefällt mir.

Sandkastenförmchen deluxe.

Rund 2650 Sprachen. 142 sprachliche Merkmale. Derzeit 5728 zitierte Texte. Der World Atlas of Language ist online gegangen.

Wer schon immer mal wissen wollte, dass die deutsche Gebärdensprache mehr als 5 unregelmäßige Verneinungen kennt und sich damit in guter Gesellschaft befindet (von den 35 untersuchten Gebärdensprachen haben 21 mehr als 5 unregelmäßige Verneinungen), kann sich das alles auf der Karte (auf Basis und mit allen Features von google maps) visualisieren lassen. Oder im zugehörigen Kapitel nachlesen, dessen Literaturangabe per Mausklick vollständig samt Datum des Abrufs verfügbar ist. Oder gleich die Merkmalsdaten im KML- oder XML-Format abrufen. Oder vielleicht doch lieber eine Diskussion zum Merkmal führen und die Kommentarfunktion nutzen. Oder einen Schritt weiter gehen und mehrere Merkmale kombinieren.

Was das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie und die Max Planck digital library hier geschaffen haben, ist von unschätzbarem Wert für sprachwissenschaftliche Studien. Schon jetzt lassen sich eine Fülle an sprachlichen Merkmalen im weltweiten Vergleich anzeigen. Neue Studien können leicht eingebunden werden, ohne dass immense Druckkosten die Verbreitung weiteren Wissens einschränken oder gar verhindern. Ich könnte mir auch vorstellen, Sprachen, die aussterben oder bereits ausgestorben sind, optional anzeigen zu lassen und somit Sprachwandel direkt in die Karten einzubinden.

Drauf aufmerksam geworden bin ich über den Bremer Sprachblog. Und ich geh dann mal wieder in den Sandkasten, noch ein wenig spielen.