Category: momente in berlin

Die Angst des weißen Mannes vor der radfahrenden Frau.

Ihr seid Mädels und habt ein halbwegs schnelles Gefährt unter Hintern und Fußsohle? Folgendes: Ihr fahrt fröhlich eures Weges. Ein paar überholen euch. Ihr überholt ein paar andere. Dann achtet mal drauf, wer versuchen wird, euch Ampel um Ampel, Straßenzug um Straßenzug wieder und wieder zu überholen, sobald ihr auch nur einmal an ihnen vorbeigezogen seid.

Heute noch viel besser. Ich so auf der Torstraße, zwischen Luxemburg-Platz und Prenzlauer. Ich nähere mich langsam den beiden vor mir. Keine Sonntagsfahrer, aber trotzdem zu langsam. Sie hinten, er vorne. Langsam an beiden vorbei. Er entdeckt mich aus dem Augenwinkel. Blick nach links. Oh Schreck! Die Gangschaltung klickt, die Kette rattert, der Oberkörper beugt sich nach vorne. Wirkt alles ziemlich überhastet. Der Arme! Sitzt auch noch auf ‘nem Mountainbike, während ich mit meinem Diamantkrücke vorbeiradle. Dummerweise konnte der Gute ja jetzt schlecht seiner Mitradlerin davonfahren. Aber jede Wette, allein hätte der hinter der nächsten Ampel das Rennen begonnen. Wieso ich mir da so sicher bin? Siehe erster Absatz.

Es ist jedes Mal so derbe herrliches Kino.

Bis der Kreis sein Ende findet.

Es war ein Plädoyer. Nicht aufgeben. Erst das Eichhörnchen, dann der Aufstieg. Dazwischen ein Mäandern mit Straßenkino, Sterni und Sozialstress. Zerbrechen an und in dieser Stadt. Bis sie dich wieder aufbaut. Zerstört. Wieder aufbaut. Wieder zerstört. Wieder aufbaut. Kein Ende in Sicht. Es ist nie nur die Stadt. “Die Stadt” ist eine Ausrede. So billig wie dein Tabak. Für immer die Menschen. Inklusive dir selbst.

Kleine Fetzen und noch kleinere Krümel kreuzen deinen Weg. Der Klangteppich wird runder. Die Höhen und Tiefen schließen sich zusammen und leiten dich in stroboskopverzerrte Gedankenwelten. Die Synapsen finden für einen kurzen Moment Ruhe. Sind mit anderem beschäftigt. Die Neuordnung der Dinge. Ein Rhythmus fernab des Gewohnten. Alles durcheinander bringen. Abschied von dir selbst.

Heraus aus dem Dunkel. Das letzte Bier. Die kälteste Stunde. Sonnenaufgang und die gemeinsame Fahrt nach Hause. Zwischen den Häuserreihen der tieforangene Ball. Es verschlägt euch die Sprache. So oft schon gesehen. Wieder der Gedanke, dass dies der Moment ist, auf den immer wieder alles hinausläuft. Ein erschöpftglückliches Gesicht blickt in ein anderes erschöpftglückliches Gesicht. Sein sanftes Lächeln gibt die Gewissheit, dass alles gut ist. So verschieden eure Leben. So ähnlich eure Gefühle. Die Hoffnungen. Das Verzweifeln. Im Park hängt der Tau an den Baumwipfeln. Das Fahrrad knarzt. Die Vorhänge ziehen sich zu.

Am nächsten Morgen sitzt du mit Kaffee und Zigarette am Küchentisch. Der Dreck ist aus dem Gesicht gewischt. Die ersten Emails haben das Postfach verlassen. Das Zittern begleitet unaufhörlich alles.

Ey, ich hab gesagt, fass mein Bier nich an!

Neulich in der Kadterschmiede. Wir rücken den Kicker mehr ins Licht. Einer hält dabei das auf der Bande stehende Bier fest. Der Typ, der daneben auf nem Stuhl sitzt:
“Ey, fass mein Bier nich an!”
Ein WTF-Blick in Richtung Stuhl, der seinesgleichen sucht. Stille.
“Ey, ich hab gesagt, fass mein Bier nich an!!!”
Kurzes Nachdenken. Dann:
“Bleib ma ruhig. Wir rücken hier nur den Kicker rum und ich halt dein Bier, damit’s nicht umkippt…”
Kurzes Nachdenken auf dem Stuhl:
“Is ok. Aber fass mein Bier nich nochmal an!”

Auch das ist Berlin.

Lebt man länger als drei Tage im Friedrichshain oder im Prenzlauer Berg verliert man den Bezug zur Realität. Klar, das hier ist schon auch ‘ne Realität. Aber sie hat nichts, rein gar nichts mit dem Querschnitt der Berliner, gänzlich zu schweigen der bundesrepublikanischen Bewohnerschaft zu tun. Nirgendwo sonst findet man soviel in Lebensqualität gegossene Ignoranz wie in diesen beiden Bezirken.

Neulich Marzahn. Gestern Weißensee und Alt-Höhenschönhausen. Zwischendrin immer wieder Wittenau und das Märkische Viertel. Es sind die Ecken, die mich so sehr an den Ort erinnern, in dem ich Kindheit und Jugend verbrachte. Strausberg. Die Randgebiete Berlins und die Städte Brandenburgs rund um die Hauptstadt. Sie sind eine wilde Mischung aus Einfamilienhäusern, Plattenbauten und Mietskasernen. Dazwischen ganz viel grün. Ich könnte dort nicht leben. Aber ich kann es auch in der Berliner Innenstadt nicht mehr. Zuviel Abwechslung des Immergleichen. Ein Paradox, aus dem ich ausbrechen werde. Ausbrechen muss. Selbst die Rückkehr nach Berlin, überhaupt nach Deutschland, steht in mutigen Momenten in den Sternen.

Neulich am Wannsee.

wannsee ii

Mitbewohnerin J ist heute zu vier Monaten Radtour Richtung Osteuropa und Zentralasien aufgebrochen. Vergangene Woche der letzte 3/5-WG-Ausflug mit Hund für lange Zeit. (Neinnein, der Hund tourt nicht mit, der hat sich Richtung Schöneberg aufgemacht.)

wannsee iii

wannsee vi

wannsee v

Neulich im Ernst-Thälmann-Park.

ernst thaelmann park II
Mehr bei ipernity.

Mauerpark. Winter 09.

sunflower

sitzpost

schnecke

hundewiese

himmel ueberm mauerpark

freezin them balls off

mietverträge

Rund um den Senefelder Platz.

rose

photoautomat

lapidarium

earphones

Die kleine, gelbe Ente

Die Ente, die traurig dem Wasser hinterher schaut, wie es in den Abfluss fließt. Die Spaghetti, die nicht vom Wasser weg wollen. Die Ente mit dem Loch-Ness-Strohhalm. Einfach großartig!

Alle Kampagnen der Berliner Wasserbetriebe gibt’s hier.

Der Einsatz von Sicherheitspersonal schafft sich seine Vorfälle selbst.

Vergangenen Sonntag in der M10. Am Frankfurter Tor stieg ich ein und setzte mich. Rechts standen zwei Herren von, ich glaube, securitas (die, die auch immer für die S-Bahn arbeiten), links auf einem Einzelplatz ein Mann Mitte Vierzig. Als ich mich setzte (die Straßenbahntüren waren noch offen), sprach der Mittvierziger zu einem anderen Mann im gegenüberliegenden Vierereck. Er sprach laut, schrie aber nicht. Er beugte sich ein wenig nach vorne, aber machte keine Anstalten, dem anderen Mann irgendwie zu nahe zu kommen. Sein Blick glitt zwischen Vierereck und Sicherheitspersonal hin und her. Ich ahnte: Da kommt was. Sicherheitsleute haben schließlich den Auftrag, alles in Schach zu halten, was nicht bei drei der Ruhe-hier-Mentalität entspricht.

Und es kam schneller als ich dachte. Die Türen schlossen sich und der Mittvierziger – den Augenkontakt mit den Sicherheitsleuten haltend – sprach in Richtung Vierereck sowas wie: Ja, jetzt wo die Türen zu sind, jetzt legen sie los. Das ließ sich Sicherheitsmensch Nr. 1 nicht zweimal sagen. “Hören Sie bitte auf, die anderen Fahrgäste zu belästigen.” Das ging dann so ein bisschen hin und her. Es kam die unweigerliche Frage nach dem Fahrausweis. Diesen wollte der Mittvierziger nicht zeigen, da er sicher war, dass ihm der Fahrausweis weggenommen würde. Dann wieder ein bisschen hin und her und die Aufforderung der Mittvierziger solle doch bitte an der nächsten Haltestelle aussteigen. Der Mittvierziger weigerte sich erst (er hatte ja nichts getan), dann wollte er freiwillig gehen, dann weigerte er sich wieder. Am Bersarinplatz angekommen (er weigert sich gerade), nahmen ihn die beiden Herren von der Sicherheit unterm Arm und trugen/zogen/begleiteten ihn hinaus. Eigentlich schon draußen, zog der Mittvierziger aber dann noch die Notbremse. Der Straßenbahnfahrer wartete jetzt, bis die Polizei (eine Wanne!) da ist. Draußen wurde der Mittvierziger noch ein bisschen weiter laut und offenbar auch ausfällig lt. Polizeipressemeldung.

Ich habe keine Ahnung, was passiert ist, bevor ich eingestiegen bin. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Mittvierziger einfach nur ein bisschen vor sich hin und in Richtung eines anderen Fahrgastes loserzählt hat. Vielleicht ein bisschen Verschwörungstheorie. Vielleicht ein bisschen was über eingesetztes Sicherheitspersonal.
Losplappernde Menschen gibt es alle Nase lang in einer großen Stadt. Da passiert auch selten mehr. Irgendwann steigen alle aus und gut ist. Grundsätzlich ist so eine zeitlich begrenzte Gemeinschaft sehr gut in der Lage, Menschen auszuhalten, die der durchschnittlichen Mentalität von ins-Gespräch-kommen-dürfen nicht entspricht.

Beide Seiten haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Von Deeskalation auf Seiten der Sicherheitsleute war nicht viel zu merken. Aber auf dieser Seite muss sie ausgebildet sein und angewendet werden (meine Meinung, keine Ahnung, wie die BVG das sieht). Ich kann mir gut vorstellen, wären die beiden Sicherheitsleute an diesem Abend nicht in der Straßenbahn gewesen, es gäbe keine Polizeimeldung “Straßenbahnfahrgast wurde rabiat“. Ich behaupte, außer Genervtsein wäre bei einigen Fahrgästen wohl nichts passiert.