Category: literarisches

“that’s a beauty.”

Waits liest Bukowski. “the laughing heart”.

Herzblut.

Mit Herzblut schreiben. Es geht nicht immer. Kann nicht immer gehen. Das Herz muss bluten. Zumindest an einer Stelle tröpfeln. Wir laben uns an dem Blut, das uns das Gefühl der Wahrhaftigkeit gibt. Der Schmerz, das Dunkle. Es ist ein Teil des Ganzen.
Doch wie viele von uns versuchen, das kleine Loch zu stopfen? Die Reißnähte, sie sollen zuwachsen. Eine Kruste soll sich über alles legen. Ist sie einmal da, versiegt der Quell. Lenkt das Blut in andere Bahnen.
Auf der Suche nach dem Glück schwören wir uns, die Kruste nie ganz zuwachsen zu lassen. Der stete Tropfen soll bei uns bleiben. Uns immer erinnern.
Dann vergehen Tage und Wochen, in denen die Kruste zuwächst. Es ist gut so. Die eigene Aufmerksamkeit fährt an anderen Orten Achterbahn. Das ständige Laben hat uns müde gemacht und nun ist an der Zeit, Kraft zu tanken. Das Vergessen setzt ein.
Doch an der Kruste quellt das Blut entlang. Bäumt sich auf. Will heraus. Zerstört das Gewebe. Wir erkennen den Ernst der Lage nicht. Schicken jemand anderes mit einem Pflaster vorbei. Die Achterbahnfahrt ist viel zu spannend. Das Erinnern will sich partout nicht einstellen.
Das Pflaster hält nicht. Natürlich nicht. Die Kruste bricht auf. Ein ums andere Mal. Und der Kreislauf schließt sich.

Und dazwischen leben.

Sich von außen beobachten, bei dem was man tut. Ein Außen, das nie ein Außen sein wird. Es ist ein anderes Plateau im Innen. Fest verknüpft, mit dem, was da gerade passiert. Es kann beobachten. Es kann einschätzen. Es sieht die Optionen. Manchmal ja. Manchmal nein. Ein Eingreifen ist möglich. So sagt man. Das Veto des eigenen Innen. Aber die elektrischen Impulse gewinnen. Freier Wille. Ja, da war was. Aber die Philosophen kratzen an den falschen Begriffen. Werden zu keinem Ergebnis kommen, wenn sie weiter im Dunstkreis der Vernunft bleiben und den Wahnsinn als Wahnsinn ablehnen. Er ist ein Teil unser aller. Wir verpacken ihn sorgsam in kleinen Päckchen. Verstauen sie unter unseren Betten. Oder besser noch unten im Schrank hinten links. Hinter den alten Fotos. Bis ein Erdbeben alles hervorholt. Offen legt. Bloß stellt. Dann beginnt der Weg von vorne. Alles einsammeln. Wieder sorgsam verpacken. Schleifchen drum. Ab in die hintere Schrankecke. Bis zum nächsten Erdbeben. Und dazwischen leben.

Und am Ende bleibt jeder allein mit seiner Schuld.

Übelkeit.
Hass.
Schmerz.
Lautes Rausschreien.
Die Gewaltphantasien in Hochprozentigem ertränkt.
Ungläubiges Nichtbegreifenwollen.
In langen Bahnen gegen das Mitleid ankämpfen.
Unnötig das.
Leidtun braucht es niemanden außer zweien.
Reue.
Alternativen.
Der Schlag in die Magengrube, wenn die Gewissheit wieder Hallo sagt.
Strohhälme.
Ich ergreife sie.
Herzhaft ist anders.
Beim Fall vom hohen moralischen Ross zugesehen.
An mir exerziert.
Es könnte Genugtuung geben.
Es hilft nur für die Maskierung.
Die Sorge.
Immer noch da.
Egalsein ist das Ziel.
Ist es nicht.
Ist es doch.
Nein.
Vielleicht.
Am Ende bleibt jeder allein mit seiner Schuld.
Und mit dem, wofür es keine Schuldigen gibt.

Lentz.

ich zittre – und merke
ich bin verliebt
das geht vorüber wie hunger
der nicht gestillt wird

in ganz bei riot36.

six word stories.

Thursday happy hour! Friday professional malpractice.

The tooth fairy’s favorite holiday? Halloween.

Secretary said no. “Business” trip cancelled.

Geschichten, die in einer Länge von sechs Worten erzählt sind. Mit Ernest Hemingway begann es einst:

For sale: baby shoes, never used.

Und nun geht es weiter. Sie sind nicht alle gut, die Geschichten bei sixwordstories.net, aber das sind die Bücher der Spiegel-Bestesellerliste auch nicht immer. Für den Rest lohnt es sich das Stöbern umso mehr.

Im hermetischen Café drüber gestolpert.

***

Und passend dazu noch ein wenig Eigenwerbung. Bei Twitkrit habe ich einen zweiten Gastauftritt. Diesmal zur vielleicht kürzesten Erzählung ever.

7:23 Uhr.

Der Wecker klingelt und spielt Snow Patrol. Schönes Lied, aber ein Gedankenblitz à la “welcher Depp in der Musikredaktion lässt so ein Lied am frühen Morgen spielen? Da wird doch keiner wach von.” huscht durch den Bewusstseinsteil meines Hirns hindurch. Aufstehen, gemächlich ins andere Zimmer tapern, schauen, dass das Kind wach ist und pünktlich zur Schule kommt. Die Nebelfetzen, die zwischen meinen Synapsen hängen, forcieren eine Vorstellung von entspannter, morgendlicher, ruhiger Atmosphäre in der Wohnung. Diese Stille, bei der man glaubt, das Atmen der noch Schlafenden aus den Zimmern zu hören.

Ich raffe mich auf, stolpere in meine Latschen, den Weg zur Tür nehme ich nicht mal wahr. Ich stehe im Flur und falle gleich wieder einen Schritt zurück. Eine Wand aus Wachheit stellt sich mir entgegen. Ein strahlendes Guten-Morgen-Lächeln vom neuen Mitbewohner. Alle Türen stehen offen. Die Espressokanne pfeift auf dem Herd. Eine gehobene Hand soll einen Gruß imitieren. Ich hoffe, er wurde als solcher verstanden. Ich ducke mich. Mache alle Schotten dicht. Eine Furche durchzieht meine Stirn. Bloß nicht ansprechen. Ich bin verwirrt. Diese Wuselei ist so ungewöhnlich. Meine Beine nehmen mir das Denken ab. Tragen mich ans andere Ende der Küche zur geliebten Kaffeemaschine.

Jetzt nur noch abwarten. Mit dem Kaffee in der Hand nur noch eine halbe Stunde abwarten. Dann sind sie alle aus dem Haus. Stille. Aber es ist eine andere Stille. Denn jetzt liegt keiner mehr in seinem Bett und schläft.

Wenn man am wenigsten damit rechnet

und eigentlich die Hoffnung schon aufgegeben hat. Dann, ja dann kommt diese kleine Nachricht.

Himmel, bin ich aufgeregt. Hui. Das Herz schlägt nicht mehr nur bis zum Hals. Die Finger zittern sich über die Tastatur. Tiefes Durchatmen ist jetzt ein basales Muss.

Ablenkung? Ja, Ablenkung. Was geht mir seit Tagen durch den Kopf? Genau. Das Zusammenwirken der Lebensstränge. Wie in einem Roman. Die Erzählstränge laufen parallel. Parallel wie in mathematisch parallel. Sie berühren sich nicht.

Ein Strang ist realisiert in einem Seminar zur Philosophie des Geistes. Wir lesen dort viele Texte, die sich damit beschäftigen, inwiefern die Geist-Körper-Relation auf physikalistischem Wege beschreibbar sein möge. Lässt sich Bewusstsein anhand der beobachtbaren und messbaren Ereignisse im Körper beschreiben und erklären, und das dann auch vollständig? Was an unserem subjektiven Erleben von Bewusstsein lässt sich damit nicht (oder noch nicht) erfassen?

Ein zweiter Strang ist realisiert bzw. initiiert durch einen Abend vor ziemlich genau zwei Wochen. Ein Kumpel erzählte von Schrödinger’s Gedankenexperiment, woraufhin ich auf die Multiversum-Theorie gestoßen bin.

Ein dritter Strang zieht sich seit einigen Jahren durch mein Denken. Der Wille zum Wissen und der Wille zur Macht und was passiert, wenn beide ihre Ziele in verschiedenen Richtungen sehen.

Noch ein paar andere Stränge spielen hier eine Rolle. Sie ermöglichen es mir, architextuelle und sonstige transtextuelle Bezüge zu erkennen.

Das alles läuft jetzt zusammen. Straft die festgestellte Parallelität Lügen. Das alles vereint sich in His Dark Materials, der Trilogie von Philipp Pullman, deren erster Teil Der Goldene Kompass dieser Tage im Kino läuft. Ich bin erstaunt, immer noch und immer wieder, wie das Zusammenlaufen der Erzählstränge meines Lebens in der Zeit vonstatten geht. Eine seltsame Energie lässt mich als Knotenpunkt der Intertexte innerlich erzittern. So fühlt es sich an, wenn im Leser alles zusammenläuft und überhaupt erst entsteht.

Es raunt. Raunt gleich hier, schräg links vor mir. Raunt, gleich hinter meinem Auge. Raunt, in den Schwingungen dieser Luft.

Der Tag begann mit einem Donnerknall. Erleuchtete die sowieso nie ganz dunkle Stadt noch ein bisschen mehr. Zu der Zeit, da diese Stadt am Stillsten ist, erfüllte ein Raunen die Straßen. Fegte über Dächer hinweg. Ließ die Blattspitzen erzittern. Der Schrecken ließ mich in Windeseile die Stufen hinabklettern. Schnell das Fenster zu. Ein Blick nach draußen. Das Gleißen der Blitze kündigt alles an. Ein Blick auf die Uhr. 4:39 Uhr.

Der Tag geht weiter mit einem süßlichen Säuseln. Immer unterlegt von diesem kleinen r. Die Sonne scheint. Die Blattspitzen spielen wieder ihr Spiel mit dem Wind. Alles friedlich. Bis auf das Raunen, das aus der Nacht heraus seinen Weg in den Tag gefunden hat.

the times, they are a changing

Lange Zeit sah sie sich selbst immer ein bisschen außenstehend. Sie hatte Freunde, verbrachte ihre Nachmittage mit ihnen. In der Schule hatte sie immer eine Gruppe, zu der sie gehörte. Aber es waren nicht die Menschen, mit denen sie eigentlich zusammen sein wollte. Es waren nicht die Menschen, die ihre Interessen teilten. Doch zu den anderen fand sie keinen rechten Zugang. Immer ein bisschen außen, immer ein bisschen danebenstehend, lernte sie zu beobachten. Die Menschen in der Vielfalt ihrer emotionalen und sozialen Knotenpunkte zu sehen. Stellte für sich fest, dass sie damit häufig richtig lag.

Später traf sie auf andere Menschen, die eine ähnliche Geschichte hatten. Die aus der Position ihres Lebens heraus das Beobachten gelernt haben. Sie tauschte sich aus. Stellte, nicht mehr nur für sich, fest, dass sie mit ihren Beobachtungen häufig richtig lag. Führte viele Gespräche. Gespräche, in denen sie anderen half, sich selbst zu verstehen. Zu oft vielleicht.

Immer noch stand sie außerhalb. Die Menschen um sie herum mochten sie. Sie aber wollte immer noch eigentlich mit anderen Menschen zusammensein. Menschen, zu denen sie keinen rechten Zugang fand. Sie begriff irgendwann, dass sie sich selbst ins Aus stellte.

Irgendwann war der Punkt erreicht, als sie sich den Menschen zuwandte, die um sie herum sind. Menschen, die sie gern haben und die sie gern hat. Das Beobachten ist einem Handeln, einem Sein inmitten anderer gewichen. Das Beobachten anderer in der Vielfalt ihrer emotionalen und sozialen Knotenpunkte fällt ihr leicht. Das Beobachten ihrer selbst in der Vielfalt ihrer emotionalen und sozialen Knotenpunkte ist schwerer. Das Sein inmitten anderer macht sie antastbar. Sie hat ihren Beobachterposten verlassen, die Rüstung abgelegt. Ihr Handeln ist nicht mehr das bisschen, das der Beobachtung folgt. Ihr Handeln liegt jetzt vor der Beobachtung. Vor der Beobachtung ihrer selbst. Vor den Fehlern, die sie macht.

Sie hat sich immer gewünscht, weise zu handeln. Doch es hat einen guten Grund, dass diese weise Menschen in den Geschichten immer auch alte Menschen sind. Menschen, die ein ganzes Leben hinter sich haben. Die unzählige andere Menschen getroffen haben. Die unzählige Situationen im Leben hinter sich haben. Und daraus gelernt haben. Sie steht am Anfang des Seins inmitten anderer.