Category: gesellschaftliches

Der Heidelberger Appell – Irrsinn pur

Es ist unfassbar. Da schließen sich gestandene Wissenschaftler einem Appell an, der vor Polemik, nichtexistenter Sachlichkeit und irreführenden Tatsachenbehauptungen nur so strotzt. Sie schließen sich einem Appell an, der in bundesrepublikanischer Gemütlichkeit nach dem Staat schreit, ohne auch nur ansatzweise einen konstruktiven Vorschlag einzubringen. Wissenschaftler, die in ihrer Forschung und ihrer Lehre das Prinzip differenzierter Analyse und eingehender Recherche vermitteln sollen, setzen ihre Unterschrift unter einen Appell, der diese Grundprinzipien wissenschaftlicher Ethik mit Füßen tritt. Das Unfassbare ist nicht der Appell selbst. So etwas musste früher oder später kommen. Musik- und Filmindustrie haben die Angst und Hilflosigkeit vor den neuen Technologien gezeigt und es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Angst und Hilflosigkeit auch bei den Akademikern zum Ausbruch kommt. Das Unfassbare ist, dass er von so vielen Leuten in dieser Form unterstützt wird.

Worum geht es? Roland Reuß und die Verleger Manfred Meiner, Vittorio Klostermann und KD Wolff haben auf der Reuß’schen textkritik-Seite einen Appell gestartet, in dem der stärkere Schutz des Urheberrechts, Maßnahmen zur Wahrung der Freiheit von Forschung und Lehre sowie der Presse- und Publikationsfreiheit gefordert werden. Stein des Anstoßes sind die neuen Technologien und damit einhergehende neue Wege der Distribution. Für die Herren macht es dabei keinen Unterschied, ob der Distributionsweg nun google books oder OpenAccess heißt. Alle gleich böse. Zuständig für die Umsetzung der Forderungen ist die Politik. Klar, wer sonst. Eigene, konstruktive Vorschläge, wie mit den neuen Distributionswegen sinnvolle Verbesserungen für Autoren und Nutzer gleichermaßen geschaffen werden können, wären ja vielleicht angreifbar und würden nur zu einer sachlichen Debatte führen. Dem voraus gingen zwei Artikel von Roland Reuß, die von der FAZ und der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurden. Den konkreten Verlauf der Debatte sowie wichtige Gegenargumente hat Matthias Spielkamp (iRights.info) im Perlentaucher zusammengefasst. Eine fortlaufend aktualisierte Berichterstattung aus den Blogs und Zeitungen gibt es bei Archivalia.

Aber kommen wir zurück zu den Akademikern. Ich will hier gar nicht in die Bresche “Ewiggestrige”, “Technologie kann sich nicht aufhalten lassen” usw. schlaagen. Wir webaffinen Menschen kennen die Argumente zur Genüge. Aber man darf dabei nie vergessen, dass die neue Technologien mit den entsprechenden Möglichkeiten, diese für sich selbst positiv zu nutzen, noch lange kein Allgemeinwissen ist. Bei vielen Unterzeichnern dürften wirklich Ressentiments gegen Google eine entscheidende Rolle spielen. Oder vielleicht auch nur das Stichwort “Urheberrechtsschutz”, bei dem alle erstmal “Hier! Ich!” schreien. Was mich erschüttert – und zwar in erster Linie bei den Unterzeichnern -, ist die ganz offenbar fehlende Reflexion der momentanen Situation. Der Appell fordert u.a. Publikationsfreiheit. Jeder, der akademischen Unterzeichner hatte in seinem Leben mindestens einen Verlagsvertrag in der Hand und hat mit dessen Unterzeichnung sämtliche Rechte an seinem Text an den Verlag abgetreten. Total-Buy-Out-Vertrag nennt sich so etwas. Um den eigenen Aufsatz erneut an anderer Stelle zu publizieren, ist dann die Erlaubnis der Verlags notwendig. Publikationsfreiheit sieht wahrlich anders aus. Und das ist auch genau der Grund, weshalb im Rahmen des Open Access Projektes eine Auseinandersetzung um Open-Content-Lizenzen stattfindet.

Nun macht es natürlich wenig Sinn, diese Aktion einfach nur zu verteufeln. Die pure Anzahl der im akademischen, literarischen und publizistischen Betrieb Tätigen, die diesen Appell unterzeichnet haben, ist ein Hinweis darauf, dass neue Konzepte auch in der Verlagswelt noch Überzeugungsarbeit leisten müssen. Aber wie schon bei Musik und Film wird auch bei Büchern das reine Verklagen und Verbieten zu genau einem führen – nichts.

Zum Weiterlesen bitte hier entlang:
textkritik – Appell und alle Beiträge pro-Appell
Archivalia – fortlaufende Berichterstattung
Matthias Spielkamp beim Perlentaucher
Robert Gehring (ebenfalls Autor bei iRights) auf golem.de – erhellende Rahmen- und Hintergrundinfos
bibliothekarisch – Linkliste mit weiteren Artikeln

Johnny Haeusler zu dem, was die Medien nach dem Amoklauf nicht behandeln.

Wie laut muss man als Jugendlicher eigentlich sein, um gehört zu werden?
Noch lauter als eine Beretta?

Bei der Sparkasse Onlinekunde werden und ein kleines Detail mittendrin.

Heute morgen kam es mir erneut in den Sinn, dass ich ja schon länger mal vorhatte, einen Onlinezugang für mein Sparkassenkonto zu beantragen. Auf der Homepage gab es auch gleich den passenden Link. Flugs alles ausgefüllt und zum Glück schon den ersten Kaffee intus gehabt. Denn zwischendrin wird einem dabei ein nettes Detail untergeschoben.

Auf Seite 2 des Antragsformularvorausfüllens kommt die übliche AGB-Frage. Das Preisverzeichnis spricht ebenfalls für sich. Und die Verbraucherinformationen enthalten weitere Hinweise dazu, was es mit dem Onlinebanking auf sich hat usw.
schritt21

Man kennt das. Man setzt sein Häkchen. Es folgt Seite 3.
Hier ist nun die abschließende Übersicht aller eingebenen Daten. Und die leise Frage, an welcher Stelle ich denn eigentlich mein Häkchen für die “Einwilligungserklärung zur Nutzung von Daten” gesetzt habe?!?!
schritt3

Im Detail enthält die Einwilligungserklärung folgendes:

Um die Beratungsleistungen der Bank mir gegenüber zu optimieren und mich ausschließlich über ihre Produkte zu informieren, ermächtige ich die Landesbank Berlin AG, Transaktionsdaten aus dem Zahlungsverkehr (z.B. Auftraggeber von Lastschriften oder deren Verwendungszweck) und die Produktinanspruchnahme zu speichern und diese zu o.g. Zweck auszuwerten.

Diese Daten werden vertraulich behandelt und für diesen Zweck nach spätestens 24 Monaten gelöscht.

Ausgenommen von dieser Einwilligung sind sensible Daten gemäß § 3 Abs. 9 BDSG.
Diese Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden.

§ 3 Abs. 9 BDSG besagt übrigens:
“(9) Besondere Arten personenbezogener Daten sind Angaben über die rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder philosophische Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, Gesundheit oder Sexualleben.”

Mein WTF wurde gleich ums Doppelte größer, da es seit 2007(?) erforderlich ist, dass für Werbung explizit und getrennt von den AGB die Zustimmung des Kunden einzuholen ist. Und Produktinformation fällt für mich unter Werbung für die eigenen Produkte. Das entnehme ich auch dem Hinweis auf die Widerrufsmöglichkeit. Aber vielleicht kennt sich jemand noch genauer aus.
Grundsätzlich vermute ich, dass jede Bank so etwas ähnliches sowieso schon macht. Aber es ist krass, wenn nicht gar gesetzeswidrig, dass die Zustimmung einfach so untergeschoben wird und es keinerlei Möglichkeit gibt, diese in Schritt 2 explizit zu geben.

Achtet auch mal auf die kleine Relativierung “… und für diesen Zweck nach spätestens 24 Monaten gelöscht” und die Möglichkeiten, die das rein theoretisch für wildes, legales Datensammeln über die 24 Monate hinaus eröffnet.

Der (richtig offene) Schlagabtausch kann beginnen.

So. Nun also geht es los. Pro Reli hat die Unterschriften und das Volksbegehren kommt. Hier zwei weitere Links rund um die Debatte. Ich werde sicher kaum alles in seinen Einzelheiten hier verfolgen (dazu ist mir meine Gesundheit viel zu wichtig). Aber Updates wird es immer wieder geben.

Bei der Initiative Pro Ethik (Gegründet im Mai 2008 als Gegenbewegung zu Pro Reli) finden sich eine Vielzahl an Materialien und Argumenten für den gemeinsamen Ethikunterricht.

Spiegelartikel zu Stephan Frielinghaus. Frelinghaus (Pfarrer der Gemeinde Französischer Dom) ist einer der Unterstützer der Gruppe Christen pro Ethik (Untergruppe bei Pro Ethik). Er sprach sich vielfach dafür aus, den Status Quo und damit den gemeinsamen Ethikunterricht für alle beizubehalten.

Julia Franck zur Debatte um den Religionsunterricht in Berlin

Mit denselben Gedanken zur Notwendigkeit einheitlicher Wertevermittlung in unserer pluralen Gesellschaft und darüber hinaus zur Gefahr einer Partikularisierung der Berliner Schullandschaft schreibt Julia Franck im Spiegel:

Ob sich dem gesellschaftlichen Wandel und der Dialogfähigkeit junger Menschen in unserer Gesellschaft etwas hinzufügen lässt, indem die Religionsgemeinschaften im Rahmen der staatlichen Schulpflicht ihre Kinder getrennt voneinander in Glaube und Werten unterrichtet, darf gefragt werden. Dabei ist die Konkurrenz von Staat und Religion weder natürlich noch erforderlich. Insbesondere in einer globalisierten und pluralen Gesellschaft sollte jeder deutsche Schüler etwas über unterschiedliche Religionen, ihre Geschichte, Weltvorstellung und Ausübung lernen.

via BitBoutique und sebaso

Pro Reli? Oder doch lieber Pro Selber Nachdenken?

In Berlin läuft gerade die Kampagne “Pro Reli!”. Sie hat zum Ziel, dass in den Schulen wieder sowohl Religion als auch Ethik parallel als Schulfach angeboten wird und die Schüler selbst entscheiden können sollen, was sie wählen. Kurz zum Hintergrund, weshalb es in Berlin keinen Religionsunterricht gibt nur freiwilligen Religionsunterricht gibt – im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern.
Im Grundgesetz, Artikel 141 wird ein Sonderstatus für Berlin und Bremen festgelegt:
“Artikel 7 Absatz 3 Satz 1 findet keine Anwendung in einem Lande, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand.”
GG Art. 7, Abs. 3, S. 1 besagt: “Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach.”
Für Berlin besteht demnach keine gesetzliche Pflicht, Religion anzubieten. Es wird auch immer noch als freiwilliges Fach angeboten und seit 2006 gibt es das für alle Schüler gemeinsame Pflichtfach Ethik.

Die Schüler sollen nun also selbst entscheiden können. Klingt gut, nich? Im Anliegen von Pro Reli heißt es u.a. “Daher muss ein auf die ethische und moralische Bildung junger Menschen ausgerichteter Unterricht nach deren Grundüberzeugungen differenzieren.” Und genau hier frage ich mich: Wie ausgeprägt bzw. wie bewusst und reflektiert sind die Grundüberzeugungen eines 11- bis 12-jährigen, wenn er/sie am Beginn der 7. Klasse zwischen Ethik und Religion wählt? Sind es wirklich die Grundüberzeugungen der Schüler oder nicht doch eher der Familie/ des Umfeldes, in dem der Schüler lebt?
Der Schlusssatz des Anliegens lautet: “Gleich ob evangelische oder katholische Christen, Moslems, Juden oder überzeugte Atheisten, sie alle sollen und müssen die Möglichkeit erhalten, die Grundlagen ihrer eigenen[!] Überzeugung kennen zu lernen und damit das eigentliche Fundament ihrer ethischen und moralischen Vorstellungen zu legen.” (Hervorhebungen von mir)

Sorry, aber hier entlarvt sich die Initiative selbst. Wem daran gelegen ist, dass Kinder und Jugendliche selbstbestimmt ihre weltanschaulichen Grundlagen legen, der muss den Schülern die Möglichkeit geben, die verschiedenen Weltanschauungen und Religionen differenziert und möglichst in einem neutralen Umfeld kennenzulernen, um sich auf dieser differenzierten Basis zu entscheiden. Das beinhaltet auch, die Überzeugungen des privaten Umfeldes überhaupt erstmal als solche zu identifizieren und desweiteren distanziert und in Relation zu den anderen Anschauungen betrachten zu können. Alles andere ist Beeinflussung durch Familie/ privates Umfeld und nur eine andere Form von Bevormundung.

Und das ist genau der Punkt. Die Initiative wirbt damit, die Bevormundung der Schüler durch den Staat (aka Berliner Senat) aufheben zu wollen. Aber was kommt anstelle dessen? Ich will gar nicht bestreiten, dass es Kinder gibt, die im Übergang von der 6. zur 7. Klasse bereits in ihrem Glauben stehen und mit Toleranz anderen Menschen (aka Anschauungen) gegenübertreten. Aber ich behaupte, diese Herangehensweise an Menschen mit anderen Überzeugungen (anderem Aussehen, anderen Fähigkeiten, whatever) ist stark bedingt durch eine entsprechende Erziehung. Nicht die Religion per se oder das Wissen um seine eigene Religion (wie die Initiative übrigens in einem Werbespot behauptet) macht Menschen tolerant. Es sind vermittelte und vorgelebte Werte und Normen, die das eigene Handeln beeinflussen.

Dies wird (und muss laut Grundgesetz) sicher auch im Religionsunterricht vorgelebt und vermittelt werden. Aber gehen wir mal einen Schritt weiter. In Deutschland gibt es nicht nur die Menschen christlichen Glaubens, sondern auch jüdische, islamische (um mal die Großen zu nennen) und ebenso diejenigen, die komplett ohne Religion aufwachsen und leben. Die Initiative umfasst all diese Richtungen – das muss man der Initiative auch mal zu Gute halten. Aber wie sieht die Konsequenz in Schulalltag aus? Für 2 Stunden die Woche werden die Klassen in 4 oder mehr Gruppen aufgeteilt. Dort kocht dann jeder sein eigenes Süppchen und am Ende treffen alle wieder im Schulhof aufeinander.

Der Schritt, den der Berliner Senat 2006 ging, mit einem Fach Ethik alle Schüer in einen Klassenraum mit angeleiteter Diskussion durch den Lehrer zu bringen, war ein fortschrittlicher. Es wird nach wie vor niemand an der Ausführung seiner Religion gehindert. Aber es wird jeder in der gemeinsamen Entwicklung von interkultureller Kompetenz gefördert.

Wenn ich mir so Bewegungen wie die Neue Bürgerlichkeit oder die Forderung der CDU/CSU, den christlichen Glauben im Grundgesetz zu verankern, oder jetzt eben Pro Reli anschaue, dann wird für mich nur eins deutlich: Das Gefühl ist ein weitverbreitetes, dass in unserer Gesellschaft sinnvolle und friedenserhaltende Werte und Normen als Handlungsansweiser im Alltag verloren gehen. Hier aber muss eine Diskussion ansetzen, die Ethik und Moral über die Glaubensgrenzen hinweg und für alle Menschen gleichermaßen behandelt. Wir leben in einem Umfeld der Pluralität und auf einem Fundament von Demokratie, Gleichheit und Toleranz.

Zig verschiedene Religionsfächer anzubieten, ist nur eine Scheingleichbehandlung. Zig verschiedene Religionsfächer ermöglichen es nicht, allen Schülern gleichberechtigt und in gleichem Maße das gleiche Wissen zu vermitteln. Das aber muss passieren, wenn wir unser Grundgesetz wirklich ernstnehmen und Gleichberechtigung sowie freie Entfaltung der Persönlichkeit das große Ziel ist.

Der Einsatz von Sicherheitspersonal schafft sich seine Vorfälle selbst.

Vergangenen Sonntag in der M10. Am Frankfurter Tor stieg ich ein und setzte mich. Rechts standen zwei Herren von, ich glaube, securitas (die, die auch immer für die S-Bahn arbeiten), links auf einem Einzelplatz ein Mann Mitte Vierzig. Als ich mich setzte (die Straßenbahntüren waren noch offen), sprach der Mittvierziger zu einem anderen Mann im gegenüberliegenden Vierereck. Er sprach laut, schrie aber nicht. Er beugte sich ein wenig nach vorne, aber machte keine Anstalten, dem anderen Mann irgendwie zu nahe zu kommen. Sein Blick glitt zwischen Vierereck und Sicherheitspersonal hin und her. Ich ahnte: Da kommt was. Sicherheitsleute haben schließlich den Auftrag, alles in Schach zu halten, was nicht bei drei der Ruhe-hier-Mentalität entspricht.

Und es kam schneller als ich dachte. Die Türen schlossen sich und der Mittvierziger – den Augenkontakt mit den Sicherheitsleuten haltend – sprach in Richtung Vierereck sowas wie: Ja, jetzt wo die Türen zu sind, jetzt legen sie los. Das ließ sich Sicherheitsmensch Nr. 1 nicht zweimal sagen. “Hören Sie bitte auf, die anderen Fahrgäste zu belästigen.” Das ging dann so ein bisschen hin und her. Es kam die unweigerliche Frage nach dem Fahrausweis. Diesen wollte der Mittvierziger nicht zeigen, da er sicher war, dass ihm der Fahrausweis weggenommen würde. Dann wieder ein bisschen hin und her und die Aufforderung der Mittvierziger solle doch bitte an der nächsten Haltestelle aussteigen. Der Mittvierziger weigerte sich erst (er hatte ja nichts getan), dann wollte er freiwillig gehen, dann weigerte er sich wieder. Am Bersarinplatz angekommen (er weigert sich gerade), nahmen ihn die beiden Herren von der Sicherheit unterm Arm und trugen/zogen/begleiteten ihn hinaus. Eigentlich schon draußen, zog der Mittvierziger aber dann noch die Notbremse. Der Straßenbahnfahrer wartete jetzt, bis die Polizei (eine Wanne!) da ist. Draußen wurde der Mittvierziger noch ein bisschen weiter laut und offenbar auch ausfällig lt. Polizeipressemeldung.

Ich habe keine Ahnung, was passiert ist, bevor ich eingestiegen bin. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Mittvierziger einfach nur ein bisschen vor sich hin und in Richtung eines anderen Fahrgastes loserzählt hat. Vielleicht ein bisschen Verschwörungstheorie. Vielleicht ein bisschen was über eingesetztes Sicherheitspersonal.
Losplappernde Menschen gibt es alle Nase lang in einer großen Stadt. Da passiert auch selten mehr. Irgendwann steigen alle aus und gut ist. Grundsätzlich ist so eine zeitlich begrenzte Gemeinschaft sehr gut in der Lage, Menschen auszuhalten, die der durchschnittlichen Mentalität von ins-Gespräch-kommen-dürfen nicht entspricht.

Beide Seiten haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Von Deeskalation auf Seiten der Sicherheitsleute war nicht viel zu merken. Aber auf dieser Seite muss sie ausgebildet sein und angewendet werden (meine Meinung, keine Ahnung, wie die BVG das sieht). Ich kann mir gut vorstellen, wären die beiden Sicherheitsleute an diesem Abend nicht in der Straßenbahn gewesen, es gäbe keine Polizeimeldung “Straßenbahnfahrgast wurde rabiat“. Ich behaupte, außer Genervtsein wäre bei einigen Fahrgästen wohl nichts passiert.

Eine andere Perspektive.

Plus, the next generations will literally grow up documenting their entire lives online. It’s unrealistic to expect them to erase their histories off the internet once they reach a certain age. Employers must learn to judge job applicants not by their past but by what they can bring to the company.
(Teresa Wu: “Generation Y in the Workplace Explained“; Hervorhebung von mir. via)

Noch letzte Woche sprach ich mit einem alten Freund, der seit neuestem Schüler in der Mittelstufe unterrichtet, über die Nachteile, die Jugendliche bei der Azubistellensuche haben können, wenn ihre youtube-Videos den älteren Semestern allzu krass erscheinen mögen und allzu leicht zu finden sind. Meine Meinung ist bislang die: Jeder wie er/sie will, hauptsache man ist sich der Konsequenzen bewusst. Dabei bleibe ich. Aber das allein reicht nicht. Eine solche Sichtweise legt die absolute, die alleinige Verantwortung in die Hände desjenigen, der sein Leben und seine Daten ins Netz stellt.

Informationsverbreitung, mithin Kommunikation, aber hat nicht nur den Sender, sondern auch den Empfänger. Und ebenso wie der Sender über eine gewisse Medienkompetenz verfügen soll, soll auch der Empfänger diese haben. Nur gerecht. Für den Empfänger bedeutet dies, immer im Hinterkopf zu behalten, dass das Internet – trotz allem – nur ein Ausschnitt der gesamten Person darstellt. Und im Zweifelsfall eine lang zurück liegende Vergangenheit lebendig erhält, die in Diskrepanz zur aktuellen Persönlichkeit steht.

Naheliegende Erkenntnis

In diesem Artikel der NZZ rund um die Mumbai-Geschehnisse kommt sehr schön zum Ausdruck, wie sich Twitter und redaktionelle Onlineangebote in der Verbreitung von Information ergänzen.

Ergänzen. Das ist der springende Punkt.

Und es wäre ganz traumhaft, wenn sich diese Erkenntnis so langsam mal in den Köpfen und Beiträgen aller Journalisten und (Micro-)Blogger festsetzen könnte. Es gibt hier kein “die einen sind besser als die anderen”! Die jeweiligen Angebote bieten verschiedene Möglichkeiten und haben unterschiedliche Nutzen. Twitter (oder welcher Microbloggingdienst auch immer) ist das schnelle Medium, das die nahezu sofortige Info über das Geschehen bzw. Stattfinden eines Ereignisses in die Welt bringen kann. Dass Twitter mit seinen 140 Zeichen keine Hintergrundanalysen ermöglicht, ist ja wohl offensichtlich. Dass diese Hintergrundanalysen dann auf Wikis und den Onlineportalen journalistischer Provenienz stehen, ist jetzt auch nicht sonderlich überraschend. Und dass die Verbreitung über die Existenz dieser Hintergrundanalysen dann wiederum via Twitter passiert, ist – na? genau! – ebenso naheliegend.

Warum zum Geier gibt es also stets und ständig dieses bekloppte, kindische Konkurrenzgeschreibe. Die Diskussion geht doch jetzt echt schon lange genug, dass die Erkenntnis der gegenseitigen Fruchtbarkeit sich vielleicht mal einstellen könnte.

(Artikel via @furukama)

"Linksliberalismus 2.0"

Es ist Zeit für eine neue Ideologie.

Mitte der 1990er Jahre las ich in der Berliner Zeitung eines Sonntags in einer Kolumne. Ich meine mich zu erinnern, sie hatte an dem Tag den einfachen Titel “linksliberal”. Der Autor, dessen Namen mir nicht mehr einfallen will, schrieb davon, wie er sich politisch links einordnen würde, aber mit dem Dogmatismus der Linken nichts anfangen könne. Er selbst hatte (und hat vermutlich auch heute noch) kein Problem mit Konsum und dem Tausch seiner Arbeitskraft gegen monetäres Einkommen. Aber er hatte ein Problem mit habgierigen Unternehmensinhabern und mit Unternehmensstrukturen, die Hierarchisierung und Ausbeutung als Teil ihres Systems förderten. Deswegen konnte er sich auch mit den Positionen einer FDP ums Verrecken nicht anfreunden. Er glaubte auch nicht daran, dass ein Staat die Instanz sein könne, die für gerechte Verteilung der Güter sorgen würde. Da müsste schon jeder selbst dran arbeiten. Keine der Parteien sagte ihm zu. Es war ein Dazwischen, das er formulierte. Etwas, das man in linken Kreisen besser nicht zu laut ausspricht. Das Dogma des Antikapitalismus, ihr wisst… Es war genau die Einstellung, die ich so gerne von der Politik gesehen hätte. Lange hörte ich nichts mehr davon, bis im vergangenen August Mercedes Bunz unter dem Titel “Linker Neoliberalismus – Was könnte das sein? Und warum eigentlich? Spinnen die?” (pdf) dazu schrieb.

Dieser Tage ist Christian Rickens’ “Links! Comeback eines Lebensgefühls” im Gespräch. Auf dem 9to5.Wir nennen es Arbeit-Festival-Camp sprach er mit Mercedes Bunz, Holm Friebe und Philipp Albers über das Thema. Nun sind seine Ansichten in Buchform erschienen. Auszüge davon gibt es auf spiegel online.

Worum es geht? Es geht darum, die “die richtige Mischung aus Wettbewerb und Solidarität, aus Gewinnstreben und Gemeinsinn zunächst einmal im eigenen Leben umzusetzen”. Derart beschreibt Christian Rickens die digitale Bohème, wie er sie kennengelernt hat. Und wie es meines Erachtens den Kern der Sache trifft.

Es ist Zeit für eine neue Ideologie. Eine Attitüde des Pragmatismus, der seine Lebens- und Arbeitsbedingungen – so gut es geht und darüber hinaus – selbst schafft. Sie kommt leise daher. Aber sie wird uns alle erreichen.

Warum ich davon überzeugt bin? Hier ein paar zusammenhanglose Aspekte, die so zusammenhanglos gar nicht sind.
Coworking spaces (Orte für Menschen, die für ihre Arbeit an keinen Ort gebunden sind, aber das soziale Miteinander und die Infrastruktur eines Büros trotz allem brauchen) erfreuen sich größer Beliebtheit unter den Selbständigen und Freiberuflern dieser Welt. Es ist selbstbestimmtes Arbeiten in der Gemeinschaft.
Das muss nicht nur für die kleine Gemeinde der digitalen Bohemiens gelten. Markus Albers bespricht in seinem Buch “Morgen komm ich später rein“, wie traditionelle, dröge Büro-Arbeitsformen auch für Unternehmen und deren Angestellte ein Ende haben können. Es braucht im Grunde nur den Mut beider Seiten, neue Wege zu denken.
Passend dazu eine Geschichte aus Philadelphia und Vancouver. Chris Jurney ist mit und wegen seiner Frau von Vancouver nach Philadelphia gezogen. Die Firma, bei der er arbeitet, wollte ihn behalten und richtete alles für eine Fern-Beziehung ein. Zuhause aber ist Chris Jurney die Decke auf den Kopf gefallen. Also machte er sich auf in die Independents Hall und arbeitet fortan dort. Seine Firma bezahlt ihm nun seinen Schreibtisch dort, weil sie auf das Know-How von Jurney keinesfalls verzichten möchten. Alle haben etwas davon, auch die anderen Coworker in der Independents Hall, mit denen Jurney sich dort austauschen kann.