Month: Oktober, 2009

Generationenkonflikt in Indien

Not only to make more schools and colleges, but also because most Indian problems are linked to lack of money. Yet, it is considered un-Indian to think that way. The young generation, which thinks like that, is considered materialistic and greedy. The older generation takes the moral high ground – slowness in work is termed patience, non-stop discussion and no action is called careful consideration and lack of improvement in standards of living is countered with claims about the need to live with austerity. [...] Our enemy is the old school of thought, or rather the people who defend the old school of thought. They do this in the name of antique Indian policies, culture and values. [...] But they won’t, for they are in power. And to defend themselves and their ways, they don’t mind crushing the aspirations, ideas and talent of an entire generation.

Chetan Bhagat: Letter to Bapu from Generation Next

Bhagat spricht in seiner dieswöchigen Kolumne über das Granit, auf das die junge Generation beißt, wenn sie auf ein fortschirttlicheres Land hofft. Dass es den indischen Jungen Wilden ähnlich geht wie uns, ist erstmal reichlich deprimierend. Aber in einer anderen Hinsicht ist die Kolumne sehr erhellend.

Ich betrachte all die Dinge in diesem Land mit meiner Deutschlandbrille. Das bedeutet, ich rege mich über die Arroganz der hohen Klassen (Kasten) gegenüber den niedrigen Klassen auf. Das bedeutet, ich verstehe nicht, wie eine Familie jahrelang den Freund ihrer Tochter ablehnt und sie so lange bearbeitet, bis sie ihn kurz vor der geplanten Hochzeit verlässt. Das bedeutet, ich finde es unfassbar, mit welchem Machoismus Männer hier Frauen behandeln.

Und dann stehe ich hier und frage, mich, wie berechtigt all das ist. Ich als Ausländer, der die Religion und Kultur kaum kennt. Mit welchem Recht darf ich meine Ansichten äußern? Und in welcher Art und Weise. Klar, die eigene Ansicht, als solche explizit herausgestellt, geht immer. Aber laut aussprechen? Vielleicht noch als offenen Vorwurf, als handfeste Kritik?

Und dann lese ich Texte wie die Kolumne von Chetan Bhagat. Denke an die Verfassung, die das Kastensystem aufhebt. Denke an die Bollywoodfilme, die am Ende des Tages nur ein Plädoyer dafür sind, dass die Kinder selbst entscheiden können, mit welchem Partner sie ihr Leben verbringen wollen. Denke an die Unberührbaren, die die Sache mit dem Karma keineswegs so nachvollziehbar finden wie diejenigen, die es sich in den hohen Klassen gutgehen lassen. Ich sehe immer wieder, dass jede vermeintlich westliche Ansicht auch in Indien einen Denker hat. Das beruhigt ein bisschen, denn eine Religion für ihre Diskriminierung und Unterdrückung zu verdammen, macht man jetzt auch nicht jeden Tag.

!

Ich stehe auf x. Ich will zu z. Ich gehe zu y. Viel zu oft.

Zeit, das z zu entdecken.

miss sophie geht sich die Haare färben

An der Tür hängt ein simpler DIN-A4-Zettel: “PLEASE KEEP SILENT” Ohne Ausrufezeichen. Schwarz auf weiß.

Ich betrete den Laden. Ein Tresen, ein dunkles Sofaleder, weiße Fliesenwände, eine Tür nach hinten und eine Treppe nach oben. Alles sehr dezent. Alles eher schick.
“Hi, I want my hair colored.” (Das mühsam erlernte british english leidet hier im Übrigen sehr schnell.) Wir gehen nach oben. Der erste Schwall Haarfärbemittel weht mir entgegen. Der zweite drängelt hinterher. Aha! Ich habe das Epizentrum der süddelhiitischen Haarprachtveredelung erreicht. Schwall Nummer drei erobert die Nase.
Mein Blick streift über die Köpfe der Damen. Pinselbehaftete Hände wedeln dazwischen. Vereinzelt ist auch eine Schere zu sehen. Der Raum ist in lila gehalten. Ich muss an Kinderläden in Mitte und Prenzlberg denken. Auf vielleicht 3×7 Meter finden sich 17 Stühle, 17 Kundinnen, geschätzte 30 Friseure und vielleicht 2 Friseusen. Ich dränge mich zu meinem Stuhl, setze mich, lasse den Blick schweifen. Nach 3-5 ausgetauschten Blicken mit den Nachbarinnen ist das erste, zarte Lächeln drin. Ja, so ist das hier. Dagegen sind die Norddeutschen reinste Leutseligkeit. Und dann fällt mir eines auf. Die Ruhe.
40 Menschen auf 20 Quadratmetern. An jedem anderen Ort wäre die Hölle los. Ich bin begeistert. Und fasziniert. Mein Blick fällt auf den Zettel an der Tür: “PLEASE KEEP SILENT” Ich bin noch viel überraschter, dass sich hier auch jeder dran hält. Keineswegs selbstverständlich, sind doch die Inder (bzw. die Delhiiten, viel mehr kenn’ ich ja bislang nicht) die Könige des “Regeln sind zum Brechen da”. Vielleicht ist der Friseurladen aber auch der Ort, an dem die Inderin besinnlich wird. Ich sehe kaum Freundinnen miteinander quatschen. Etwas, das sonst immer und überall passiert – in größter Ausgelassenheit und Lautstärke. Aber hier, hier sind sie ruhig. Aber wer weiß schon so genau, was da in diesen Haarfärbemitteln drin ist…

Die Franzosen.

Gestern stand ich mit einer Nordinderin, einem Menschen aus Bombay und einer Deutschen in einer Runde. Sie alle hassten Franzosen. Und kamen aus dem Geschichtenerzählen gar nicht wieder raus.