Month: September, 2009

WTF!?!!

Der geneigte durch-Indien-Reisende kann hier seine Zugtickets auch online buchen. So weit, so gut. Für Menschen, die ein indisches Konto oder eine von einer indischen Bank ausgestellten Kreditkarte haben, ist das auch nicht weiter problematisch. Sogar Menschen mit einer Kreditkarte aus einem anderen asiatischen Land haben Chancen auf die Onlinebuchung. Kommt man aus dem Rest der Welt und will irgendwas auf eigene Faust im Netz buchen, hat man einfach Pech.

Hintergrund: Die Reserve Bank of India hat für alle indischen Unternehmen verfügt, dass Onlinezahlungen nur noch mit verifizierten Kreditkarten durchgeführt werden dürfen. Wegen Missbrauch und so. In einer der unzähligen Zahlungsvarianten kann man seine Kreditkarte dann sogar bei VISA ASIA verifizieren. Für alle anderen sieht’s schlecht aus. Die dürfen sich dann am Schalter anstellen oder zu einer der unzähligen travel agencys wandern.

Das heißt übrigens auch, dass man bei Air India Kreditkartenzahlungen nur mit verifizierter Karte durchführen kann. Na wer’s sich leisten kann… (Air India wohl kaum. Die werden grade kräftig vom Staat subventioniert, weil sie eigentlich pleite sind.)

The lovely, the ugly and the trains.

Fangen wir mit dem Hässlichen an. Agra. Die Stadt mit dem Taj Mahal. Es lohnt den Gedanken daran nicht. Das Taj Mahal ist genau wie auf den Bildern. Das Schönste daran war der Blick über den Yamuna Fluss auf die andere Uferseite, wo des Morgens die Menschen ihrem Bad nachgehen. Sonst nur der ständige Versuch der Abzocke und nichtvorhandener Respekt gegenüber Touristen.

Jaipur. Jaipur war einfach lovely. Natürlich gibt es auch hier die “Ma’am, kaufen Sie, kaufen Sie”-Aufdiepellerücker. Aber sie waren in der Minderheit. Ansonsten viel Altstadt, viel Alltagsleben, wie immer viel Sonne und – das überhaupt erste Mal seit meiner Ankunft in Indien – viel Sonnenbrand.
Jaipur Nehru Bazaar

Aus Jaipur hab ich dann auch ‘nen Geheimtipp mitgebracht. Jaha, grade mal 2 Monate im Land und schon den ersten Insidertipp gefunden. Schafft man so auch nicht auf jeder Reise. Das Hotel “Baba Haveli” ist es. Nach dem aussagelosen bis ärgerlichen Agra war die Zeit hier Erholung im Schnelldurchlauf. Farbenfrohe Antiquitäten und ein Hotelrestaurant auf dem Dach. Da das Hotel erst seit einem Jahr geöffnet hat und dazu grade Nebensaison ist, waren wir die einzigen Gäste und hatten somit die volle Aufmerksamkeit von Vijay, dem Eigentümer. Sein erklärtes Ziel: jeden Gast so behandeln als wären sie die einzigen. Ich drücke ihm die Daumen, dass er auch bei voller Hütte dabei bleiben kann.
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(Mehr Fotos von den Zimmern gibt es auch auf dem Blog.)

Der Hammer überhaupt waren aber die Zugfahrten, genauer die Verköstigung währenddessen. Morning Tea, Frühstück und Abendessen mit Evening Tea, alles inklusive.
trainmeals
Und von der Qualität des Essens kann sich jede Fuggesellschaft mal ein dicke Scheibe abschneiden.

Diese Stadt hat keine Seele.

Bislang kannte ich Städte ohne Seele nur aus Stereotypen. Einmal bin ich durch eine durchgelaufen. Waren an der Müritz. Die Altstadt wurde irgendwann zwischen 1990 und 2001 saniert. Dabei hat die Stadt ihr Gesicht verloren. Die Häuser sahen genauso aus, wie die Häuser anderer sanierter Altstädte. Keine Besonderheiten. Nichts. Das Nichts in Pastellrosa getaucht.

In Delhi gibt es schon ein paar Besonderheiten. Monumente, Festungen, solche Scherze. 4.000 Jahre ständige Belagerung und Eroberung durch neue Völker haben ihre Spuren hinterlassen.

New Delhi wurde in den 1920er Jahren erbaut. Es ist eine Reißbrettstadt, entworfen von einem Architekten. Breite Straßen und viel Grün am Rande dieser Straßen. Die vielen Bäume sind schön. Darunter gibt es noch ein bisschen mehr grün. Diesmal sind es die Zäune der Villen. Dann ein Streifen Mauer aus rotem Sandstein. Manchmal sieht man die Dächer. Dann ein paar große Hotels und das Parlamentsgebäude. Das war’s. Mehr gibt es in New Delhi nicht zu bestaunen. Das gemeine Fußvolk lebt in Wohnsiedlungen, die meist auch wirklich reine Wohnsiedlungen sind. Der Markt ist am Rande einer solchen Siedlung. Dort gibt es dann auch mal ein Café. Kneipen und Restaurants ergeht es nicht anders. Man trifft sich dann in einer Mall oder in einem Market.

Wenn man dann doch mal irgendwo nett unterkommt, dann stichelt der berlingewohnte Schlonzfanatiker in mir gleich wieder los. Alles aalglatt, wie in Mitte oder am Savignyplatz. Das Problem: Die Menschen haben keine Tradition des Ausgehens. Und diejenigen, die jetzt gehäuft ausgehen, haben Geld. Diejenigen, die Geld haben, müssen das auch zeigen. Also ist alles neureich und mit der Seele des Geldes gepflastert.

Klargeworden ist mir das, als ich das erste Mal durch Old Delhi geschlendert bin. Old Delhi ist klein, eng und zum Teil sehr stickig. Viele Menschen, viele Motorräder, viele Fahrradrikshaws, viel von allem. Aber keine Hektik und keine Aggression. Gibt es einen Stau, warten alle geduldig. Kein Vordrängeln und das Hupen hält sich in Grenzen. Die Häuser sind klein, aber keine schnell hochgezogenen, gleich oder teuer aussehenden Kaninchenställe. Alles ist hier organisch gewachsen. Die Menschen verbringen ihren Tag mit mehr als purem Geldverdienen.

Die kleine, gelbe Ente

Die Ente, die traurig dem Wasser hinterher schaut, wie es in den Abfluss fließt. Die Spaghetti, die nicht vom Wasser weg wollen. Die Ente mit dem Loch-Ness-Strohhalm. Einfach großartig!

Alle Kampagnen der Berliner Wasserbetriebe gibt’s hier.

In Delhi ist’s jetzt ist wie in Berlin in einem guten Sommer.

Erinnert ihr euch noch an eure Kindheit? In den Sommerferien? Früh aufstehen. Mama und Papa haben sich grade auf den Weg zur Arbeit gemacht. Der prüfende Blick aus dem Fenster. Ja! Die Sonne scheint wieder. Und wieder kein Wölkchen am Himmel. Schnell den Badeanzug drunter ziehen und raus. Draußen die Freunde vom Nachbarhaus zusammentrommeln und dann ab an den See. Es ist noch nicht heiß. Es ist vielleicht halb acht. Aber die Hitze wartet nur darauf, über den Baumkronen hervorzuschießen. Gut so. Nachher wieder ein Eis dazu. Jetzt noch die Kühle zwischen den Nadelbäumen genießen. Ein bisschen im Wald rumkraxeln. Ein bisschen baden gehen. All das, solange es morgens noch leer ist.

Gerade musste ich die böse Lehrerin spielen.

Heute ist Sonntag. Am Dienstag schreibe ich einen Test. Morgen ist hier Feiertag und der gewohnte Unterricht fällt aus.
Heute erhielt ich eine Email von einer Studentin, die erst später an die Uni kam. Nachrückverfahren können hier in Delhi manchmal sehr lange dauern. Besagte Studentin also verpasste die ersten Wochen. Und original jetzt, nach 5 Wochen, 2 Tage vor dem Test, schreibt sie mir eine Email, ob ich ihr nicht sagen könne, was in den ersten 3 Wochen passiert ist.
Hatte sie damals alle Handouts bekommen? Ja.
Hat sie Kontakt zu den anderen Studierenden aufbauen können? Ja.
Hat sie Internet zu Hause und kann zur Not dort recherchieren? Ja.
Hat sie ihren optional course ein einziges Mal sausen lassen, um am Freitag in meine Sprechstunde zu kommen? Nein.

Es ist echt unfassbar. Reiche ihnen den kleinen Finger und sie versuchen, die gesamte Hand zu erwischen. Es sind wirklich Kinder und das hier ist Schule. Dahinter stecken viele Gründe. Das indische Schulsystem ist eine Katastrophe. Die guten Studenten sind diejenigen, die das Glück hatten, auf einer guten Schule zu sein. Und mit “gut” meine ich, dass die Schüler an selbständiges Arbeiten gewöhnt werden. Dass sie Texte lesen und auch verstehen können. Dass sie in der Lage sind, einen Kontext zu erfassen. Alles, was für einen deutschen Studenten als selbstverständlich gilt.
Das gilt nicht für die staatlichen Schulen. Mathematik und Naturwissenschaften stehen im Fokus. Wenn Schüler einen Test nicht bestehen, dann ist einzig und allein der Lehrer schuld. Er/sie hätte besser unterrichten müssen. Lehrer ebenso wie Hochschuldozenten verdienen wenig und sind allgemein eher gering anerkannt. Die meisten Schüler und Studenten wollen einfach nur einen Job, in dem sie gutes Geld verdienen. Eigenständigkeit? Selbstverantwortung? Selber denken? No way. Das müssen die hier an der Uni erst lernen.

Und das heißt für mich also, dass ich hier die böse Lehrerin spielen darf. Und es kotzt mich einfach nur an.

Indien verlangsamt das Denken.

Womit ich Indien gerade sehr unrecht tue. Denn eigentlich ist es das Wetter in Kombination mit der Einflugschneise und einer Autoalarmanlage, das einen hier unfähig zu irgendetwas macht. Mittlerweile geht’s schon wieder. Stete 32°C bis 34°C sind aushaltbar. An die Flugzeuge gewöhnt man sich so ein bisschen. Und die Alarmanlage… nein, die bleibt einfach immer nervig.

Ende Juli, Anfang August lief das ungefähr so:
5:30am: Der morgendliche Schub an Flugzeugen entert den Delhi International Airport. In den kommenden 2 Stunden landen die Kerosinspechte im 10-Minuten-Takt.

6:30am: Kommt ein Flieger qua unfähigem Piloten in gefühlter Höhe von 500m rein, springt vor lauter Schreck die Alarmanlage eines Autos hier vor der Tür an. Die Alarmanlage spielt dann der Reihe nach alle Polizeisirenentöne dieser Welt ab, bis sich der Besitzer mal aus dem Bett bequemt.

7:00am: Das Alarmanlagenauto wird geputzt. Natürlich nicht vom Besitzer. Natürlich hat der Putzer keinen Schlüssel. Natürlich springt die Alarmanlage an.

7:10am: Das Herz rast immer noch vor lauter Schreck. Jetzt ist’s auch egal. Raus aus den Federn.

8:00am Das Thermometer kratzt bereits an der 30°C-Marke. Flucht vom Balkon in die ventilatorgekühlten Räume. Schnell noch die nächste Unterrichtsstunde vorbereiten. Es ist ein Wettlauf mit der Temperatur. Schaffe ich das Arbeitsblatt und die Spielerunde, bevor es 36°C sind? Natürlich nicht. Das Wetter gewinnt. Wie immer.

11:30am: Die Hunde liegen hier einfach wild in der Gegend rum und dösen. Ich möchte mich einfach nur noch dazulegen… Die Mittagspause beginnt hier gegen 13:00 Uhr. Ich frage mich jeden Tag aufs Neue, wie die das alle bis dahin aushalten.

3pm: Huch! Wo ist denn die Zeit hin? Ich hab doch nur kurz was gegessen! Naja, gehe ich mal schnell was einkaufen. Raus in die Hitze, den vielen Verkehr, den Lärm und den Staub.

5:30pm: Zurück vom Einkauf. Ich versuche mich zu wundern, warum der Einkauf jetzt genau 2.5 Stunden gedauert hat, obwohl ich doch nur um die Ecke war und nur in 2 Läden kurz 3 Dinge gekauft habe. Irgendwo zwischendrin bleibt mein Hirn stecken. Es reicht noch zu einer Zigarette auf dem Balkon. Dann mal in die Feeds schauen.

7:00pm: Abendessen. Danach muss ich dann aber ganz dringend noch das Arbeitsblatt und die Spielerunde fertig machen.

10:00pm: Müde. Wovon auch immer.

Eine Besucherin nach dem Muse-Konzert:

“Muse. Ja, da muss ja immer erstmal ein paar Mal reinhören, bevor das zündet.” Was? Seid ihr bescheuert? Muse ist eine der wenigen Bands, die einen beim ersten Hören sofort und ohne Umschweife auf den Mars katapultiert. Und wenn die Jungs das nicht beim ersten Durchlauf schaffen, dann ist alles andere nur Gewöhnung an niedrigere Qualitätslevel.

Gewöhnung my ass. Das neue Album “The Resistance” ist schwach, überladen mit Arrangements und geht Kompromisse ein. Und nein, das ist kein “früher waren sie besser”. Das ist wenig ausgereiftes Herumprobieren, dem ein Produzent vielleicht doch ganz gut getan hätte.

“Jazz auf Fotos.”

jazz-auf-fotos
Zitat: FAZ. Peter Richter. Obama sitzt.

Von Kunden, Königen und einem anstehenden Massaker.

Neulich war ich im Palika Bazar. Das ist ein Untergrundlabyrinth mit drölfmillionen Shops, in denen Klamotten und zugehöriger Kleinkram sowie jede Menge Elektroschrott verkauft wird. Jeder Händler hat geschätzte 4qm Platz für seine Auslagen. Auf jeden Marktbesucher kommen 4 Verkäufer. Jede Menge Zeit, den entlang schlendernden potenziellen Kunden gehörig auf die Nerven zu gehen. “Mam, excuse me, Mam!” “Mam, look here!” “Excuse me, excuse me, Mam, excuse me!” Mam hier, Mam da. Es ist einfach nur unfassbar aufdringlich. Und kaufen tu’ ich bei solchem rumgemamme erst recht nix. Blöd für die Händler. Denn aus dem Augenwinkel sahen einige Sachen ganz interessant aus.

Ich raff’s einfach nicht, wie die hier ticken. Also zuerstmal gibt es hier ein ausgeprägtes Verständnis von Kundenservice. Nichts schlechtes soweit. In jedem Laden gibt es pro Quadratmeter mindestens 1 Angestellten. Irgendwie müssen diese Massen an Menschen sich ja beschäftigen. Mittlerweile bin ich sogar schon verwirrt, wenn ich nach den ersten 3 Metern immer noch alleine rumstehe. Wenn man dann sagt, man möchte erstmal nur schauen, dann wird man etwas verwirrt zurückangeschaut, aber häufig genug dann doch in Ruhe gelassen. Man kann sich allerdings sicher sein, dass der Angestellte immer wenige Schritte hinter einem ist. Man könnte ja doch eine Frage haben. Oder sich gar ein Oberteil aussuchen. Das mensch dann tunlichst nicht selbst tragen darf. Wäre ja unhöflich vom Verkäufer, dem Kunden so etwas zuzumuten… Das wiederum wirft eher ein interessantes Licht auf die geldhabenden Inder hier, aber nun gut. Dieser Aspekt kundenorientierten Verkaufens ist allerhöchstens für servicewüstengewöhnte Deutsche irritierend und ansonsten recht entspannend.

Kommen wir zu Stufe 2. Wann immer man etwas bestimmtes sucht, das Gesuchte findet und sich zu allem Glück zum Kauf entscheidet, passiert hundertprozentig eines: Es folgt ein Angebot für etwas dazu Passendes. Das ist nervig an Tagen, an denen morgens das linke Bein den Boden zuerst berührt hat. Ansonsten eigentlich auch eine nette Geste und mit einem freundlichen “No, thank you” sind die meisten dann auch zufrieden.

Bliebe noch Stufe 3. Man geht in einen Laden, zum Beispiel in den großen Tante-Emma-Laden hier auf dem Campus. (Alle Läden auf dem Campus sind Tante-Emma-Läden, sie unterscheiden sich nur durch groß/klein und mit Obst/ohne Obst. Ansonsten haben sie alle grob dasselbe Angebot.) In dem großen Tante-Emma-Laden gibt es eine 1qm-Ecke mit Drogerie-Artikeln und minimum 3 Angestellten auf diesem Fleckchen. Der scheele Blick geht zur Zahnpasta und zack! stehen 2 Leute neben einem. Und wehe, ich greife zur simplen Standard-Zahnpasta. Oh Weh! Oh nein! Es muss die gute 100%-Kräuter-Zahnpasta sein! Gedanken an und Vorurteile über den Prenzlauer Berg erscheinen vor meinem geistigen Auge, ich wische sie weg und antworte freundlich : “No thanks, I’ll take this one.” “But, Mam, look, blablabla.” [schon etwas gereizt:] “No, thanks!” “But, Mam!” …
Dank meiner guten Kinderstube bin ich bislang noch nicht ausgetickt. Aber irgendwann wird das passieren, denn zuallererstmal finde ich es total respektlos, die Entscheidung eines anderen Menschen permanent in Frage zu stellen. Sind die hier alle einfach so verzweifelt? Jemandem ständig mit der gleichen Frage hinterrennen und ständig abgewiesen zu werden. Wo bleibt da der Selbstrespekt?

Da ist es geradezu erholsam, wenn man in einen Laden kommt und die einzigen Verkäufer (wie bei der Galeria Kaufhof in Berlin) mit sich selbst beschäftigt hinter der Kasse stehen und quatschen.