Month: März, 2009

Der Heidelberger Appell – Irrsinn pur

Es ist unfassbar. Da schließen sich gestandene Wissenschaftler einem Appell an, der vor Polemik, nichtexistenter Sachlichkeit und irreführenden Tatsachenbehauptungen nur so strotzt. Sie schließen sich einem Appell an, der in bundesrepublikanischer Gemütlichkeit nach dem Staat schreit, ohne auch nur ansatzweise einen konstruktiven Vorschlag einzubringen. Wissenschaftler, die in ihrer Forschung und ihrer Lehre das Prinzip differenzierter Analyse und eingehender Recherche vermitteln sollen, setzen ihre Unterschrift unter einen Appell, der diese Grundprinzipien wissenschaftlicher Ethik mit Füßen tritt. Das Unfassbare ist nicht der Appell selbst. So etwas musste früher oder später kommen. Musik- und Filmindustrie haben die Angst und Hilflosigkeit vor den neuen Technologien gezeigt und es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Angst und Hilflosigkeit auch bei den Akademikern zum Ausbruch kommt. Das Unfassbare ist, dass er von so vielen Leuten in dieser Form unterstützt wird.

Worum geht es? Roland Reuß und die Verleger Manfred Meiner, Vittorio Klostermann und KD Wolff haben auf der Reuß’schen textkritik-Seite einen Appell gestartet, in dem der stärkere Schutz des Urheberrechts, Maßnahmen zur Wahrung der Freiheit von Forschung und Lehre sowie der Presse- und Publikationsfreiheit gefordert werden. Stein des Anstoßes sind die neuen Technologien und damit einhergehende neue Wege der Distribution. Für die Herren macht es dabei keinen Unterschied, ob der Distributionsweg nun google books oder OpenAccess heißt. Alle gleich böse. Zuständig für die Umsetzung der Forderungen ist die Politik. Klar, wer sonst. Eigene, konstruktive Vorschläge, wie mit den neuen Distributionswegen sinnvolle Verbesserungen für Autoren und Nutzer gleichermaßen geschaffen werden können, wären ja vielleicht angreifbar und würden nur zu einer sachlichen Debatte führen. Dem voraus gingen zwei Artikel von Roland Reuß, die von der FAZ und der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurden. Den konkreten Verlauf der Debatte sowie wichtige Gegenargumente hat Matthias Spielkamp (iRights.info) im Perlentaucher zusammengefasst. Eine fortlaufend aktualisierte Berichterstattung aus den Blogs und Zeitungen gibt es bei Archivalia.

Aber kommen wir zurück zu den Akademikern. Ich will hier gar nicht in die Bresche “Ewiggestrige”, “Technologie kann sich nicht aufhalten lassen” usw. schlaagen. Wir webaffinen Menschen kennen die Argumente zur Genüge. Aber man darf dabei nie vergessen, dass die neue Technologien mit den entsprechenden Möglichkeiten, diese für sich selbst positiv zu nutzen, noch lange kein Allgemeinwissen ist. Bei vielen Unterzeichnern dürften wirklich Ressentiments gegen Google eine entscheidende Rolle spielen. Oder vielleicht auch nur das Stichwort “Urheberrechtsschutz”, bei dem alle erstmal “Hier! Ich!” schreien. Was mich erschüttert – und zwar in erster Linie bei den Unterzeichnern -, ist die ganz offenbar fehlende Reflexion der momentanen Situation. Der Appell fordert u.a. Publikationsfreiheit. Jeder, der akademischen Unterzeichner hatte in seinem Leben mindestens einen Verlagsvertrag in der Hand und hat mit dessen Unterzeichnung sämtliche Rechte an seinem Text an den Verlag abgetreten. Total-Buy-Out-Vertrag nennt sich so etwas. Um den eigenen Aufsatz erneut an anderer Stelle zu publizieren, ist dann die Erlaubnis der Verlags notwendig. Publikationsfreiheit sieht wahrlich anders aus. Und das ist auch genau der Grund, weshalb im Rahmen des Open Access Projektes eine Auseinandersetzung um Open-Content-Lizenzen stattfindet.

Nun macht es natürlich wenig Sinn, diese Aktion einfach nur zu verteufeln. Die pure Anzahl der im akademischen, literarischen und publizistischen Betrieb Tätigen, die diesen Appell unterzeichnet haben, ist ein Hinweis darauf, dass neue Konzepte auch in der Verlagswelt noch Überzeugungsarbeit leisten müssen. Aber wie schon bei Musik und Film wird auch bei Büchern das reine Verklagen und Verbieten zu genau einem führen – nichts.

Zum Weiterlesen bitte hier entlang:
textkritik – Appell und alle Beiträge pro-Appell
Archivalia – fortlaufende Berichterstattung
Matthias Spielkamp beim Perlentaucher
Robert Gehring (ebenfalls Autor bei iRights) auf golem.de – erhellende Rahmen- und Hintergrundinfos
bibliothekarisch – Linkliste mit weiteren Artikeln

Johnny Haeusler zu dem, was die Medien nach dem Amoklauf nicht behandeln.

Wie laut muss man als Jugendlicher eigentlich sein, um gehört zu werden?
Noch lauter als eine Beretta?

Wenn die Welt mal wieder allzu zynisch wird.

Sonntag. Mitten im Schreiben der Zwischenprüfungsarbeit. Pause. Nebenan spielt die Mitbewohnerin auf ihrem Akkordeon. In Ruhe bei den Lieblingsblogs vorbeischauen. Die Artikel lesen, die in den vergangenen Tagen untergegangen sind. Beim Philipp das Bloghouse entdecken. Und wieder ins Bewusstsein zurückrufen, weshalb wieso warum dieses ganze Rumgeblogge und was daran so wunderwunderschön sein kann.

Die Klasse 10k des Hermann-Billung-Gymnasiums in Celle bloggt im Rahmen ihres Deutschunterrichts. Die Reaktionen der Schüler in den Kommentaren bei Philipp haben mich umgehauen. Ich erinnere mich daran zurück, wie ich das erste Mal Öffentlichkeit erlebt habe. Diese Mischung aus “hui” und “OMFG”, Aufgeregtsein, Freude und Furcht zugleich, wenn jemand Unbekanntes in den Kommentaren seine oder ihre Gedanken hinterließ. Noch heute spannen sich meine Muskeln, wenn ich einen neuen Namen entdecke. “War das jetzt totaler Bullshit, den ich da geschrieben habe? Kommt jetzt wer daher und zerreißt das in der Luft? Oder hat der Mensch vielleicht – ich wage es gar nicht zu hoffen – für einen kurzen Moment einen Ausdruck seiner eigenen Emotionen in meinem Text gefunden?” Großartige Adrenalinspritzer.

Hach. Mir gehen gerade tausend Erinnerungen durch den Kopf. Meine Deutsch-LK-Lehrerin, die nicht in der Lage war, auch nur eine vernünftige Diskussion an den Start zu bringen, weil sie immer nur DIE EINE Interpretation verfochten hat. Ich glaube ja bis heute, dass sie die immer nur aus den Vorbereitungsheften abgeschaut hat und gar keine Ahnung hatte, wie man selber unterschiedliche Lesarten aus einem Text herausholen kann. Meine Englisch-LK-Lehrerin, die das genaue Gegenteil war. “Make up your mind!” Ihr war es egal, was wir aus den Themen und Texten herausgeholt haben, hauptsache die Begründung war nachvollziehbar argumentiert und mit Textstellen belegt. Meine Politiklehrerin, die zwischendrin immer wieder 1-2 Stunden Zeit gefunden oder auch einfach nur genommen hat, um tagesaktuelle Themen zu besprechen.

Hach. In Erinnerungen stöbern. Tolle Pause.

Mein persönliches Highlight beim ersten Überfliegen des Blogs war übrigens der folgende Satz:

Abschließend 45 Minuten auf ein Bild glotzen, das von einem wohl nicht gesunden Maler gehässligt wurde und wild in der Gegend herum interpretieren, was dieser uns mit dieser ,,Kunst“ wohl sagen möchte.

Herrlich.